Top-Virologe

26. Mai 2020 14:34; Akt: 26.05.2020 14:46 Print

«Glaube nicht an 100-​​Prozent wirksame Impfung»

Virologe Peter Piot ist Covid-19-Forscher und -Patient. Er warnt davor, das Virus auf die leichte Schulter zu nehmen und zu große Hoffnung in einen Impfstoff zu setzen.

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Peter Piot kennt sich mit Viren aus wie kaum ein anderer. 1976 gehörte der belgische Mediziner zu den Entdeckern des Ebolavirus (siehe Box) und gilt als HIV-Pionier. Heute leitet er die London School of Hygiene & Tropical Medicine und berät die Europäische Kommission hinsichtlich Sars-CoV-2 – jenes Virus, mit dem er sich im März 2020 selbst infizierte.

Dazu kam es, weil er es unterschätzt habe, gibt der 71-Jährige im Interview mit Spiegel.de zu. Obwohl er noch im Februar davor gewarnt habe, dass Sars-CoV-2 außer Kontrolle geraten könne, «bin ich selbst nicht vorsichtig genug gewesen». Wo er sich angesteckt haben könnte, kann Piot nicht sagen.

«Balancierte zwischen Himmel und Erde»

Dafür weiß er nun ziemlich gut, wie massiv das Virus auf den menschlichen Körper wirken kann: Nach einem zunächst äußerst unangenehmen, aber weitgehend glimpflichen Verlauf mit hohem Fieber, stechenden Kopfschmerzen, Schüttelfrost und einem starken Erschöpfungsgefühl musste er am 11. Tag hospitalisiert werden. Da hätte er kaum noch aufstehen können.

Im Krankenhaus stellten die Ärzte fest, dass seine Sauerstoffsättigung auf bedenkliche 84 Prozent gesunken war. Er bekam Sauerstoff, «eine invasive Beatmung war zum Glück nicht notwendig», so der ehemalige Covid-19-Patient. Trotzdem war nicht immer klar, ob er die Infektion überleben würde. «Eine Woche lang balancierte ich zwischen Himmel und Erde, am Rande dessen, was das Ende hätte sein können», so Piot zum belgischen Magazin Knack.

Kritiker ignorieren Langzeitfolgen

Nach sieben Tagen konnte er zwar wieder nach Hause, «aber die Krankheit hatte ich damit noch lange nicht überstanden», so Piot zu Spiegel.de. Etwa eine Woche später habe er plötzlich an Atemnot gelitten – die Folge einer überschießenden Immunabwehr. «Viele Menschen sterben an der übertriebenen Reaktion ihres Immunsystems, das nicht weiß, was es mit dem Virus anfangen soll», zitiert Sciencemag.org den Virologen.

Piot warnt nun davor, Sars-CoV-2 zu verharmlosen, wie dies viele Corona-Skeptiker tun: «Viele Leute glauben, für 99 Prozent der Infizierten sei Covid-19 nichts als eine Art Grippe, und ein Prozent sterbe daran.» Doch es gäbe auch etwas dazwischen: «Die große Zahl derer, die überleben, die aber sehr schwer und sehr langwierig erkranken.»

Er selbst könnte noch immer nicht Treppensteigen, ohne unterwegs eine Pause einzulegen. Auch Joggen, was er sehr vermisst, geht noch nicht. «Ich kriege auch immer noch Blutverdünner, weil ich Vorhofflimmern habe», so Piot zu Spiegel.de. Das könnte für den Rest seines Lebens so bleiben.

«Wir müssen lernen, mit Covid-19 zu leben»

Auch auf einen kommenden Impfstoff zu hoffen, hält Piot für falsch: «Natürlich wird ein Impfstoff Teil unserer Exit-Strategie sein. Aber vieles spricht dafür, dass wir trotzdem als Gesellschaft lernen müssen, mit Covid-19 zu leben.»

So sei nach wie vor unklar, ob und wie gut ein solcher Impfstoff funktionieren würde. «Was Lungeninfektionen betrifft, sind unsere Erfahrungen bisher nicht toll.» Selbst bei Grippeimpfungen liege die Schutzwirkung in der Regel nur zwischen 60 und 70 Prozent. «Ich bin zwar ein optimistischer Mensch. Aber an einen 100-prozentig wirkenden Impfstoff glaube ich nicht.»

Es braucht unkonventionelle Ideen

Dass man dem Virus auch in Zukunft schutzlos ausgeliefert sei, sieht Piot jedoch auch nicht. Vielmehr fordert er, viel offener für unkonventionelle Ideen zu sein. Bisher sei es immer nur darum gegangen, das Virus unschädlich zu machen. «Aber vielleicht müssen wir auch darüber nachdenken, die Immunantwort zu kontrollieren.» Auch das Timing der Therapieschritte könnte einen Unterschied machen.

Auch sollte man testen, ob antivirale Medikamente nicht auch vorbeugend eingesetzt werden könnten. «Man könnte dann alle Kontakte eines frisch Infizierten ausfindig machen und diese prophylaktisch behandeln», so der Experte zu Spiegel.de. Dies sei vergleichbar mit einer Impfung, nur eben sehr viel gezielter.

(L'essentiel/Fee Anabelle Riebeling)

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