Damaliger Wachmann: 101-Jähriger wegen Beihilfe zum Mord im KZ zu Haft verurteilt

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Damaliger Wachmann101-Jähriger wegen Beihilfe zum Mord im KZ zu Haft verurteilt

Neun Monate lang verhandelte ein Gericht gegen einen mutmaßlichen früheren SS-Wachmann des KZ Sachsenhausen. Der hochbetagte Mann bestritt bis zuletzt, in dem Lager tätig gewesen zu sein.

28.06.2022, Brandenburg, Brandenburg/Havel: Der Angeklagte ((M) wird zur Urteilsverkündung des Landgerichts Neuruppin gebracht. Der 101-jährige Mann ist wegen Beihilfe zum Mord an Tausenden Häftlingen im Konzentrationslager Sachsenhausen zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Der Mann hatte in dem Prozess vor dem Landgericht Neuruppin bis zuletzt bestritten, in dem KZ Wachmann gewesen zu sein. Der Prozess wird aus organisatorischen Gründen am Wohnort des Angeklagten in Brandenburg/Havel und nicht in Neuruppin geführt. Foto: Fabian Sommer/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Der Mann hatte in dem Prozess vor dem Landgericht Neuruppin bis zuletzt bestritten, in dem KZ Wachmann gewesen zu sein.

Fabian Sommer/dpa

Ein 101-jähriger Mann ist am Dienstag in Deutschland wegen Beihilfe zum Mord an Tausenden Häftlingen im Konzentrationslager Sachsenhausen zu fünf Jahren Haft verurteilt worden.

Der Mann, der aus Litauen stammte und in Brandenburg lebte, hatte in dem Prozess vor dem Landgericht Neuruppin bis zuletzt bestritten, in dem KZ nördlich von Berlin Wachmann gewesen zu sein.

«Das Gericht ist zur Überzeugung gelangt, dass Sie entgegen Ihren gegenteiligen Beteuerungen rund drei Jahre lang in dem Konzentrationslager als Wachmann tätig waren», sagte der Vorsitzende Richter Udo Lechtermann. Damit habe der Angeklagte den Terror und die Mordmaschinerie der Nationalsozialisten mitgetragen. «Sie haben mit Ihrer Tätigkeit diese Massenvernichtung bereitwillig unterstützt.»

Staatsanwaltschaft stützt sich auf Dokumente

Auch die Staatsanwaltschaft hatte fünf Jahre Gefängnis für den Mann gefordert. Nebenklage-Vertreter Thomas Walther plädierte auf eine mehrjährige Haftstrafe, die ein Maß von fünf Jahren nicht unterschreiten solle. Zwei weitere Nebenklage-Vertreter forderten einen Schuldspruch, ohne ein konkretes Strafmaß zu nennen. Die Verteidigung hatte einen Freispruch gefordert.

Der 101-Jährige hatte in dem seit Oktober vergangenen Jahres laufenden Prozess bestritten, dass er in dem KZ tätig war und angegeben, er habe in der fraglichen Zeit als Landarbeiter bei Pasewalk (Mecklenburg-Vorpommern) gearbeitet. Die Staatsanwaltschaft stützt sich bei ihrer Anklage aber auf Dokumente zu einem SS-Wachmann mit dem Namen, Geburtsdatum und Geburtsort des Mannes sowie auf weitere Dokumente. Der hochbetagte Mann war nur eingeschränkt verhandlungsfähig und konnte täglich nur etwa zweieinhalb Stunden an dem Prozess teilnehmen.

In dem Konzentrationslager, das im Sommer 1936 errichtet worden war, waren bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 mehr als 200 000 Menschen inhaftiert – unter ihnen politische Gegner des NS-Regimes sowie Angehörige der von den Nationalsozialisten verfolgten Gruppen wie Juden und Sinti und Roma. Zehntausende Häftlinge kamen durch Hunger, Krankheiten, Zwangsarbeit, medizinische Versuche und Misshandlungen ums Leben oder wurden Opfer von systematischen Vernichtungsaktionen der SS.

In Deutschland sind in den vergangenen Jahren immer wieder sehr alte Männer wegen einer früheren KZ-Tätigkeit angeklagt worden, nachdem sie zuvor unbehelligt in Deutschland gelebt hatten. Denn bei der Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit hatte die deutsche Justiz über Jahrzehnte nur diejenigen verfolgt, die zur Leitung der Konzentrationslager gehört oder selbst gemordet hatten oder durch besondere Grausamkeit aufgefallen waren, sogenannte Exzesstäter. Heutzutage wird auch die allgemeine Dienstausübung in einem Lager juristisch geahndet.

(L'essentiel/dpa)

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