Skandal um Astrazeneca – 29 Millionen Impfdosen in Italien entdeckt

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Skandal um Astrazeneca29 Millionen Impfdosen in Italien entdeckt

Astrazeneca hatte der EU angekündigt, dass das Unternehmen viel weniger Corona-Impfstoff liefern könne als gedacht. Dabei liegen 29 Millionen Dosen auf Halde.

Der Hersteller Astrazeneca lagert in Italien 29 Millionen Dosen Corona-Impfstoff – und das, obwohl er mit seinen vertraglich zugesicherten Lieferungen an die Europäische Union massiv im Rückstand ist und Impfstoff in der EU überall fehlt. Dieser Bericht der italienischen Zeitung «La Stampa» klingt erstmal unwahrscheinlich, wurde aber am Mittwoch aus mehreren Quellen bestätigt.

Astrazeneca wies die Berichte über die Vorratslagerung der 29 Millionen Impfdosen als nicht korrekt zurück. Es handle sich um verschiedene Kontingente des Impfstoffs, die auf die Freigabe durch die Qualitätskontrolle warteten, teilte eine Sprecherin am Mittwoch auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mit. Davon seien 13 Millionen Dosen für arme Länder im Rahmen des Covax-Programms bestimmt. Die restlichen 16 Millionen sollten nach der Freigabe nach Europa gehen, ein großer Teil davon noch im März.

Wie reagierte die EU auf den Fund?

Die Kritiker des Herstellers, der nun zum x-ten Mal aus unterschiedlichen Gründen in den Schlagzeilen ist, hatten nach der Bekanntgabe der angeblichen Vorratslagerung Alarm geschlagen. «Das ist völlig inakzeptabel», schrieb der CSU-Europapolitiker Manfred Weber auf Twitter. «Ich kann mir keinen Grund denken, warum man in dieser Pandemielage Impfstoffe auf Halde legen würde», sagte ein EU-Vertreter.

Wie wurden die 29 Millionen Impfdosen entdeckt?

Das Blatt «La Stampa» aus Turin schildert die Abläufe so: EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton, inzwischen eine Art Impfstoff-Beauftragter der Kommissionschefin Ursula von der Leyen, habe Anfang März die Fabrik Halix im niederländischen Leiden besucht, die für AstraZeneca Corona-Impfstoff herstellt. Dort sei der Kommissar misstrauisch geworden. «Wir hatten den Verdacht, dass AstraZeneca über mehr Produktionskapazität in Europa verfügte, als sie angegeben hatten», sagte ein EU-Vertreter in Brüssel am Mittwoch der Nachrichtenagentur AFP.

EU-Industriekommissar Thierry Breton habe deshalb die italienischen Behörden gebeten, das Werk zu inspizieren. Denn Astrazeneca lässt seinen Impfstoff unter anderem in Italien abfüllen und verpacken.

Die italienische Regierung bestätigte am Mittwoch, dass eine Anlage von Catalent in Anagni in der Region Latium auf Bitten der EU-Kommission inspiziert wurde. Laut «La Stampa» wurden dabei in den Kühlkammern die 29 Millionen Dosen entdeckt. In der Zeitung hieß es, die Impfstoffe seien für den Export nach Großbritannien gedacht. Ein EU-Beamter schloss auch andere Ziele nicht aus. Die Regierung von Ministerpräsident Mario Draghi erklärte in Rom, Ziel der inspizierten Impfstoffe sei Belgien gewesen – was weitere Fragen aufwarf.

Was hat das Exportverbot der EU für Folgen?

Dazu muss man wissen, dass Astrazeneca derzeit praktisch keine Chance hat, die Impfstoffe aus der EU heraus zu bringen. Denn bereits seit 1. Februar gelten Exportkontrollen. Herstellern, die EU-Verträge nicht erfüllen, kann die Ausfuhr untersagt werden. Und Astrazeneca ist bisher die einzige Firma, bei der diese Möglichkeit einmal angewendet wurde: Italien stoppte 250.000 Impfdosen für Australien.

Am Mittwoch verschärfte die EU-Kommission den Exportmechanismus mit dem Ziel, häufiger Nein sagen zu können, wenn Empfängerländer nicht auch Exporte in die EU zulassen.

Wie viele Impfdosen lieferte Astrazeneca bis jetzt?

Astrazeneca hatte der EU nach Brüsseler Angaben im ersten Quartal ursprünglich 120 Millionen Impfdosen zugesagt – und dies dann auf 30 Millionen gekürzt. «Aber sie sind Stand heute noch nicht einmal in der Nähe dieser Zahl», sagte EU-Kommissionsvizepräsident Valdis Dombrovskis am Mittwoch. Im zweiten Quartal stellt Astrazeneca nun offiziell 70 Millionen Dosen in Aussicht – statt der vereinbarten 180 Millionen.

Wo wird der Astrazeneca-Impfstoff hergestellt?

Der britisch-schwedische Hersteller hat auch und vor allem umfassende Lieferpflichten an Großbritannien, was seit Wochen für Spannungen zwischen Brüssel und London sorgt. Dabei geht es auch immer wieder um die Fabrik in Halix. Diese produziert nach Angaben der EU-Kommission seit geraumer Zeit. Sie hat aber bisher keine EU-Zulassung – nach Darstellung aus EU-Kreisen, weil das Unternehmen den Antrag nicht vorantrieb.

Die für die Zulassung der Anlage zuständige EU-Arzneimittelbehörde EMA wollte sich diese Woche auf dpa-Anfrage über Details des Verfahrens nicht äußern. In jedem Fall wird schon länger gerätselt, wie viel und für wen Halix produziert. Großbritannien hofft dem Vernehmen nach, den Großteil des dort hergestellten Impfstoffs zu bekommen.

Was passiert nun mit den 29 Millionen Impfdosen in Rom?

Aus deutschen Regierungskreisen hieß es, man habe sich erstmal gefreut, «dass da 29 Millionen Dosen offensichtlich sind». Schließlich hänge Astrazeneca mit den Lieferungen an die EU um ein Vielfaches zurück. «Vielleicht gibt es jetzt die Möglichkeit, die Lieferungen deutlich aufzustocken.»

EU-Vertreter in Brüssel wollten sich über Herkunft, Ziel und den weiteren Umgang des in Italien gelagerten Impfstoffs nicht äußern – dazu müsse man die Firma fragen, hieß es. Rom jedenfalls stellte am Mittwoch klar, dass die für den Gesundheitsschutz zuständigen Carabinieri von nun an alle ausgehenden Impfstoff-Partien bei dem Betrieb in Anagni kontrollieren würden.

(L'essentiel/DPA/AFP/kle)

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