Kenia – 600.000 Flüchtlinge sollen verschwinden

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Kenia600.000 Flüchtlinge sollen verschwinden

Kenias Regierung will in Kürze mit der Räumung des größten Flüchtlingscamps der Welt beginnen. Ein Experte nennt gute Gründe, die «Stadt der Verlorenen» zu retten.

Dem Hungertod entkommen: Somalische Flüchtlinge warten 2011 in Dadaab auf ihre Registrierung. Nun will die kenianische Regierung das Lager schließen.

Dem Hungertod entkommen: Somalische Flüchtlinge warten 2011 in Dadaab auf ihre Registrierung. Nun will die kenianische Regierung das Lager schließen.

Nachdem die staatliche Flüchtlingsbehörde Kenias bereits aufgelöst wurde, will die Regierung des Landes jetzt schnellstmöglich auch die Flüchtlingslager Dadaab und Kakuma schließen. Die Camps bestehen seit fast 25 Jahren und bieten mehr als einer halben Million Menschen aus den benachbarten Ländern Somalia und Südsudan Obdach. In beiden toben brutale Bürgerkriege.

Dass die Menschen angesichts dieser Situation nicht einfach in ihre Heimatländer zurückkehren können, lassen die Behörden bisher unkommentiert. «Die Gastfreundschaft ist zu Ende», verkündete Kenias Regierungssprecher nur und kündigte an, mit der Räumung in wenigen Tagen zu beginnen. Ein drastischer Schritt, den die Regierung des Landes offiziell mit der Terrorbekämpfung begründet.

Brutstätte des Terrors?

Im Lager Dadaab unweit der somalischen Grenze vermuten die kenianischen Behörden ein wichtiges Versteck und ein Rekrutierungs-Camp von Kämpfern der islamistischen Terrormiliz al-Shabaab.

Rund drei Jahre ist es her, dass Anhänger dieser Gruppe einen Anschlag auf das exklusive Westgate-Einkaufszentrum in der Hauptstadt Nairobi verübten und dabei ein Blutbad anrichteten. Damals starben nach offiziellen Angaben 67 Menschen.

Im Gespräch mit dem SRF äußert der britische Menschenrechtsaktivist und Buchautor Ben Rawlence jedoch starke Zweifel an der Terror-Theorie.

Druckmittel zur Erlangung von Geldern

«Es gibt keinen Beweis für terroristische Aktivitäten in diesen Flüchtlingslagern. Die Aussagen sind politisch motiviert», so Rawlence. Und weiter: «Klar suchen auch die Terroristen nach neuen Kämpfern. Sie tun das aber in Somalia – genau davor flüchten ja viele Menschen erst.»

Als eigentliches Motiv für die angekündigte Schließung nennt Lawrence finanzielle Beweggründe. Die kenianische Regierung nutze die Lager als Druckmittel, um an Gelder für einen Militäreinsatz in Somalia zu kommen. Dort wolle die internationale Gemeinschaft nicht selber intervenieren.

Ein wenig Normalität im Ausnahmezustand

Über seine Erfahrungen als Menschenrechtsbeobachter vor Ort hat Ben Rawlence jetzt das Buch «Stadt der Verlorenen» veröffentlicht, in dem er neben dem Elend auch die anderen Seiten des Alltags im Flüchtlings-Camp thematisiert: «Klar gibt es viele arme Menschen, die um ihr Leben kämpfen. Aber es gibt auch so etwas wie eine Mittelklasse; es gibt Schulen, eine funktionierende Wirtschaft und Krankenhäuser.»

Die geplante Schließung des Lagers kritisiert er nicht nur scharf im Hinblick auf eine Verletzung der Menschenrechte, sondern hält sie auch für logistisch unmöglich. «Das würde bedeuten», so Rawlence im Gespräch mit dem SRF, «eine Stadt von der Größe von Zürich 100 Kilometer über die Grenze eines anderen Landes zu verlegen.»

Statt die Lager zu schließen, solle Kenias Regierung die wirtschaftlichen Chancen nutzen, die diese zu Genüge böten. Zahlenmäßig handle es sich um die drittgrößte Stadt Kenias. In der Hoffnung auf einen guten Job ließen sich mittlerweile sogar Kenianer selbst in Dadaab nieder.

(L'essentiel/jros)

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