Instagram und Tiktok – Afghanische Influencer fürchten um ihr Leben
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Instagram und TiktokAfghanische Influencer fürchten um ihr Leben

Die Machtergreifung der Taliban hat die Online-Welt in Afghanistan erschüttert. Prominente Influencer sind geflüchtet, andere sind untergetaucht.

Sadika Madadgars Auftritte in Onlinenetzwerken ähnelten denen anderer erfolgreicher junger Influencerinnen und Influencer. Sie trat bei dem Gesangswettbewerb «Afghan Star» auf und gewann mit ihrer umwerfenden Stimme und ihrem bodenständigen Auftreten als Mädchen von nebenan eine große Anhängerschaft. Doch dann kehrten die radikalislamischen Taliban an die Macht zurück, und für die 22-Jährige und andere prominente Influencerinnen und Influencer änderte sich schlagartig das Leben.

21.200 Afghaninnen und Afghanen folgen Sadika Madadgar bei Youtube, 182.000 auf Instagram. Auf einem Video amüsiert sie sich beim Aufschneiden einer Melone, auf einem anderen ist zu sehen, wie sie in einem Café ein Volkslied singt. Madadgar ist gläubige Muslimin, sie trägt ein Kopftuch. Die Machtergreifung der Taliban traf sie völlig unvorbereitet. Am Samstag veröffentlichte sie zum ersten Mal eine eindeutig politische Botschaft auf Instagram.

«Ich teile mein Leid nicht gerne online, aber das macht mich krank», schrieb die 22-Jährige. «Mein Herz bricht, wenn ich sehe, wie mein Heimatland langsam zerstört wird.» Am Tag darauf eroberten die Taliban Kabul – und Madadgars Stimme im Internet verstummte.

Ein falscher Post könnte lebensbedrohlich sein

Millionen junge Afghanen und Afghaninnen müssen befürchten, dass sich ihre Internet-Posts nun als lebensbedrohlich herausstellen könnten. Allzu präsent sind die Erinnerungen aus der Zeit der ersten Taliban-Schreckensherrschaft von 1996 bis 2001. Damals waren Frauen vom öffentlichen Leben ausgeschlossen, Mädchen konnten die Schule nicht besuchen – und es gab brutale Strafen, wie etwa die Steinigung bei Ehebruch.

Manche machen sich wenige Illusionen darüber, was die neue Ära für Afghanistan bedeuten wird. «Wenn die Taliban Kabul einnehmen, sind Menschen wie ich nicht mehr sicher», sagte Mode-Ikone und Geschäftsfrau Ajeda Schadab dem «ZDF», als sich die Sicherheitslage bereits verschlechterte.

Jeden Tag präsentierte Schadab auf Instagram die neusten Modelle aus ihrer Kabuler Boutique – vor kurzem noch zeigte sie zur Musik von Dua Lipa ein asymmetrisches, durchsichtiges Ballkleid. «Frauen wie ich, die keinen Schleier tragen, die arbeiten, akzeptieren sie nicht», sagte sie dem «ZDF».

Inzwischen teilte Schadab ihren 290.000 Followerinnen und Followern auf Instagram und den 400.000 Anhängerinnen und Anhängern auf Tiktok mit, dass sie in der Türkei sei. Auch andere brachten sich in Sicherheit: Aryana Sayeed, eine von Afghanistans bekanntesten Popstars, veröffentlichte am Mittwoch ein Selfie aus einem Evakuierungsflugzeug der USA auf dem Weg nach Doha. «Mein Herz, meine Gebete und meine Gedanken werden immer bei euch sein», schrieb sie den Zurückgebliebenen.

(L'essentiel/dpa/fos)

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