Angriffe auf Mariupol - «Alle in dieser Stadt warten ständig auf den Tod»
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Angriffe auf Mariupol«Alle in dieser Stadt warten ständig auf den Tod»

Seit Anfang Monat ist Mariupol praktisch ununterbrochen russischen Angriffen ausgesetzt. Trotz der massiven Zerstörungen glaubt der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski an das Fortbestehen der Stadt.

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Schon seit Wochen wird die ukrainische Stadt Mariupol massiv bombardiert.

Schon seit Wochen wird die ukrainische Stadt Mariupol massiv bombardiert.

AFP
Gemäß Josep Borrell sind die Angriffe ein «massives Kriegsverbrechen».

Gemäß Josep Borrell sind die Angriffe ein «massives Kriegsverbrechen».

via REUTERS
Für viele Überlebende spielt sich das Leben in Luftschutzkellern ab.

Für viele Überlebende spielt sich das Leben in Luftschutzkellern ab.

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Mariupol, in dem vor dem Krieg rund 450.000 Menschen lebten, wird seit Anfang März fast ununterbrochen von den russischen Streitkräften angegriffen; Satellitenbilder zeigen erhebliche Zerstörungen in Wohngebieten. Der Leiter der Außenpolitik der Europäischen Union, Josep Borrell, bezeichnete die Ereignisse in Mariupol am Montag als «massives Kriegsverbrechen».

Auf Facebook berichtet Nadeshda Sukhorukova über den Alltag, wie sie ihn aktuell in Mariupol erlebt: «Ich gehe auf die Straße in den Pausen zwischen Bombardierungen. Ich muss meinen Hund ausführen. Er wimmert stets, zittert, versteckt sich hinter meinen Beinen. Ich bin die ganze Zeit müde. Der Hof zwischen den Hochhäusern ist still und tot. Ich habe keine Angst mehr, mich umzuschauen.»

«Bin sicher, dass ich bald sterbe»

Nadeshda glaubt nicht mehr an ihr eigenes Überleben. «Ich bin sicher, dass ich bald sterbe. Das ist eine Frage von Tagen. Alle in dieser Stadt warten ständig auf den Tod.» Oft wissen die Überlebenden nicht, wie sie mit den vielen Leichen umgehen sollen: «Wir fragten einige Polizisten auf der Straße, was wir mit der toten Oma von einem unserer Bekannten tun sollen. Sie empfahlen, sie auf den Balkon zu legen. Interessant, auf wie vielen Balkonen liegen jetzt tote Körper?»

Bisher hatten die Bewohnerinnen und Bewohner im Haus, in dem auch Nadeshda wohnt, großes Glück: «Unser Haus ist das einzige ohne Volltreffer in einem größeren Umkreis. Es wurde zweimal von Raketen gestreift, in einigen Wohnungen flogen Fenster heraus, aber das Haus ist fast unbeschädigt, und im Vergleich mit anderen Häusern steht es wie ein Glückspilz da. Der ganze Hof ist mit mehreren Schichten von Asche, Glas, Plastik und Metallscherben bedeckt.»

«Sehe ein Gesicht am Fenster und ich erschaudere»

Im Hof befindet sich ein großes Metallobjekt, wohl ein Blindgänger, den Nadeshda nicht anschauen mag. «Es ist eine Rakete oder vielleicht eine Mine. Es ist mir egal, nur unangenehm. Im Fenster des zweiten Obergeschosses sehe ich ein Gesicht und mich schaudert es. Ich realisiere, dass ich Angst vor lebenden Menschen habe.»

Dann beschreibt sie den Moment, als die Bombardierungen wieder anfangen. «Mein Hund beginnt zu heulen, und ich verstehe, dass man gleich wieder schießen wird. Ich stehe am hellen Tag auf der Straße, und rund herum ist Grabesstille. Keine Autos, keine Stimmen, weder Kinder noch Omis auf den Bänken. Selbst der Wind ist still.» Das verbleibende Leben habe sich in die Luftschutzkeller verlagert.

«Alle sollen wissen, dass hier friedliche Bürger getötet werden»

Nadeshda bleibt nur noch wenig Hoffnung. Ihr liegt jedoch am Herzen, dass die Welt über die Schicksale der Menschen Bescheid weiß. «In Mariupol sitzen Menschen weiterhin in Kellern. Mit jedem Tag wird es für sie schwieriger, zu überleben. Sie haben kein Wasser, kein Essen, kein Licht, wegen des ständigen Beschusses können sie nicht mal auf die Straße gehen. Die Einwohner von Mariupol sollen leben. Helft ihnen. Erzählt darüber. Alle sollen wissen, dass hier weiter friedliche Bürger getötet werden.»

Derweil gibt sich der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski zuversichtlich, dass die Stadt die Angriffe letztlich überstehen wird. In einer am Montag veröffentlichten Videoansprache betonte er, die ukrainische Hafenstadt Mariupol werde durch die russische Militäraggression «in Schutt und Asche» gelegt, fügte aber hinzu, dass die Stadt «überleben» werde.

Selenski forderte die Ukrainerinnen und Ukrainer erneut auf, «alles zu tun, um unser Land zu verteidigen und unser Volk zu retten». Seit dem Beginn der russischen Invasion in der Ukraine Ende Februar sehe man «mehr und mehr [ukrainische] Helden. Einst waren es gewöhnliche Ukrainer, jetzt sind es wahre Kämpfer», sagte er. 

(L'essentiel/Reto Bollmann)

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