Makabres Spiel? – Angeblich geköpfte Frau taucht im TV auf

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Makabres Spiel?Angeblich geköpfte Frau taucht im TV auf

Eine tot geglaubte Syrerin gibt im staatlichen Fernsehen ein Interview. Ein Beweis für die Lügen der westlichen Medien, sagt das Regime. Ein Propaganda-Manöver, vermuten Beobachter.

Die 18-jährige, für tot gehaltene Syrierin Sainab al Hosni in einem am Dienstag vom syrischen Staatsfernsehen ausgetrahlten Interview. (Bild: Keystone/AP/Syrisches Staatsfernsehen)

Die 18-jährige, für tot gehaltene Syrierin Sainab al Hosni in einem am Dienstag vom syrischen Staatsfernsehen ausgetrahlten Interview. (Bild: Keystone/AP/Syrisches Staatsfernsehen)

Der Dienstag war ein guter Tag für das Assad-Regime, denn in New York verhinderten China und Russland eine Verurteilung Syriens durch den UNO-Sicherheitsrat. Grund genug, an der Heimatfront mit einem Propaganda-Coup nachzudoppeln: Das syrische Staatsfernsehen strahlte ein Interview mit einer angeblich toten Frau aus.

Die 18-jährige Sainab al Hosni soll Mitte September als erstes weibliches Opfer in syrischer Polizeigewahrsam gestorben sein. Die grausamen Details des Falles – die Eltern fanden ihre Tochter geköpft und mit abgetrennten Armen im Leichenschauhaus vor – erschütterten die Öffentlichkeit. Alles «Phantasie-Gespinste» ausländischer Medien, die jetzt endlich als solche entlarvt werden konnten? So zumindest lautet die offizielle syrische Version.

«Ich bin quicklebendig»

Die im Fernsehen gezeigte Frau sagte, sie habe sich entschieden, sich zu äußern, nachdem sie aus dem Fernsehen von ihrer angeblichen Verhaftung und Tötung erfahren habe. Sie sei Ende Juli aus ihrem Elternhaus in Homs weggelaufen, weil ihre Brüder sie missbraucht hätten. Ihre Familie wisse nicht, dass sie noch am Leben sei, sagte sie und bat ihre Mutter um Vergebung. «Ich bin quicklebendig und habe mich entschieden, die Wahrheit zu sagen, da ich vorhabe zu heiraten und Kinder zu bekommen, die offiziell registriert werden sollen», erklärte die Frau gefasst, aber ein wenig zögerlich. Um ihre Identität zu untermauern, hielt sie ihren Personalausweis in die Kamera.

Familie bestätigt Identität

Amnesty International hatte den Fall am 23. September publik gemacht. Demnach wurde Sainab al Hosni am 27. Juli von Männern in Zivil in der Protesthochburg Homs festgenommen. Ihr Bruder habe die Proteste in der Stadt mitorganisiert, daher glaubte man, dass er damit zur Aufgabe gezwungen werden sollte. Angesichts der neuen Erkenntnisse kündigte die Organisation eine Untersuchung an. In einer gemeinsam mit Human Rights Watch veröffentlichten Erklärung teilte sie am Mittwoch mit, dass die Familie al Hosni bestätigt habe, dass es sich bei der im Fernsehen gezeigten Frau um ihre Tochter handelt.

Wichtige Fragen bleiben jedoch unbeantwortet: Wann wurde das Interview aufgenommen? Es gibt zur Stunde keine Beweise, dass Sainab tatsächlich am Leben ist. Wen hat die Familie al Hosni im Leichenschauhaus für ihre Tochter gehalten und anschließend beerdigt? Sollte es sich bei der Leiche nicht um Sainab al Hosni handeln, geraten die syrischen Behörden in Erklärungsnot. Diese müssten sagen, wessen Leichnam es war, sowie über Ursache und Umstände des Todes informieren, forderte Amnesty International. Außerdem sei verdächtig, dass al Hosnis Familie ursprünglich mitgeteilt worden war, dass es sich bei der Leiche um ihre 18-jährige Tochter handle.

Durchsichtiges Manöver des Assad-Regimes?

Ein westlicher Diplomat sagte gegenüber dem britischen «Guardian», er wäre nicht erstaunt, wenn die syrischen Behörden die ganze Angelegenheit fabriziert hätten: «Sie können außerordentlich zynisch und manipulierend sein.» Die Familie der nach wie vor verschwundenen Sainab al Hosni ist durch die jüngsten Ereignisse zutiefst verunsichert. «Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll», wurde einer ihrer Brüder von der «New York Times» zitiert.

L'essentiel Online/kri/dapd

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