Ägypten – Ausgangssperre verhängt

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ÄgyptenAusgangssperre verhängt

In Ägypten eskaliert die Gewalt. Ab 17 Uhr gilt in großen Städten eine Ausgangsperre. Nobelpreisträger und Oppositionsführer Al Baradei steht unter Hausarrest.

Zehntausende Menschen demonstrieren nach dem Freitagsgebet in den wichtigsten Städten des Landes gegen die Regierung von Präsident Hosni Mubarak. In Kairo feuern Soldaten laut Augenzeugen Schüsse in die Luft, um die Menschen im Stadtzentrum auseinanderzutreiben.

Auf TV-Bildern sind blutüberströmte Demonstranten zu sehen. Die Polizei setzt Wasserwerfer, Gummigeschoße und Tränengas ein. Spiegel Online zitiert eine Reporterin von Al-Dschasira mit den Worten: «Es regnet Tränengas». In Suez ist laut Augenzeugen ein Mann erschossen worden. Von dort zeigte der Sender auch Bilder von einem Polizeiwagen, der wiederholt in die Menge fuhr. Aus ganz Ägypten werden Dutzende Verletzte gemeldet.

Für die Nacht hat die Regierung für Kairo, Suez und Alexandria eine Ausgangssperre verhängt. Wie das ägyptische Staatsfernsehen berichtete, soll die Ausgangssperre für den Zeitraum zwischen 18.00 Uhr und 07.00 Uhr (17.00 Uhr und 6.00 Uhr MEZ) gelten. Das Militär werde mit der Polizei zusammenarbeiten, um die Ausgangssperre durchzusetzen. Für den Abend wurde eine Ansprache Hosni Mubaraks erwartet.

Die Verhängung einer Ausgangssperre ist die bislang drastischste Maßnahme der ägyptischen Regierung, um die Ausschreitungen und Proteste im Land unter Kontrolle zu bekommen.

Brand im NDP-Hauptgebäude

Ein Gebäude des Parteihauptquartiers der regierenden National Democratic Party ist am Abend von Protestierenden in Brand gesetzt worden. Das Staatsfernsehen bestätigte, dass das Gebäude angezündet worden sei. Am Nachmittag fand dort eine Sitzung von Parteiführern und Präsident Mubaraks Sohn Gamal statt.

Die Polizei soll damit begonnen haben, Kameras von Fernsehteams wie auch Touristen zu beschlagnehmen, meldete CNN. Auch das Büro von Al-Dschasira in Kairo bekam Besuch von der Polizei, wie der Sender berichtete.

In ihrer Verzweiflung haben Protestierende laut Reuters gar nach der Armee gerufen: «Wo ist die Armee? Kommt und seht, was die Polizei mit uns macht. Wir wollen die Armee. Wir wollen die Armee!» In Kairo einfahrende Militärlastwagen wurden von Demonstranten teils mit Jubel begrüßt.

Al-Baradei unter Hausarrest

Derweil haben die Behörden Friedensnobelpreisträger Mohamed Al-Baradei unter Hausarrest gesetzt. Das erklärten am Freitag vor seinem Haus stationierte Polizisten. Al-Baradei hatte sich zuvor den Protesten Zehntausender Menschen in Kairo gegen die Herrschaft von Staatspräsident Hosni Mubarak angeschlossen. Die Polizei ging gegen ihn und seine Anhänger mit Wasserwerfern und Schlagstöcken vor.

Der frühere Leiter der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) war erst am Donnerstag in seine Heimat zurückgekehrt. Von Wasserwerfern getroffen, suchte ElBaradei Zuflucht in einer Moschee. Sie wurde dann von Hunderten Polizisten belagert. In umliegenden Strassen feuerten die Beamten Tränengas ab, so dass niemand die Moschee verlassen konnte.

Auch vor dem Präsidentenpalast in Heliopolis versammelten sich Demonstranten, wie der Sender Al-Arabija meldete. Präsident Mubarak hielt sich zu dem Zeitpunkt aber vermutlich nicht dort auf.

Kommunikationskanäle gekappt

Die ägyptische Regierung schaltete nach dem Internet auch Mobilfunknetze ab, um die massiven Proteste einzudämmen. Über diese Kommunikationskanäle waren Aufrufe zu Protesten verbreitet worden. Die ägyptischen Telekommunikationsfirmen sollen in einer geheimen Krisensitzung beschlossen haben, im Falle einer Eskalation der Proteste an diesem Freitag alle Kommunikationskanäle zu kappen, wie die unabhängige ägyptische Tageszeitung «Al-Shorouk» berichtete.

Nach Angaben des britischen Telekom-Konzerns Vodafone wurden alle Mobilfunk-Betreiber in Ägypten angewiesen worden, den Betrieb in ausgewählten Regionen einzustellen. Textnachrichten konnten nicht mehr versendet werden. Websites wie Twitter, Facebook und der Email-Dienst von Google waren vollständig blockiert. Der Internetzugang über ägyptische Server war schon kurz nach Mitternacht blockiert worden.

L'essentiel Online/20Minuten

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