Jagd auf IS-Chef – «Bagdadi soll wissen, dass wir ihn jagen»

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Jagd auf IS-Chef«Bagdadi soll wissen, dass wir ihn jagen»

Die Tötung von Topterrorist Osama Bin Laden war eine Sternstunde für Barack Obama. Umso mehr will er in seinem letzten Amtsjahr IS-Chef Abu Bakr al-Bagdadi fassen.

Inoffiziell lautete Obamas außenpolitische Doktrin: «Bau keinen Sch...» (Don't do stupid sh...), wie aus einem Interview mit dem US-Präsidenten ersichtlich wird. Weniger fäkalsprachlich lässt sich die Obama-Doktrin mit «Führungsrolle ja, Alleingänge nur im Notfall» umschreiben.

Anders als sein Vorgänger George W. Bush will Obama keinen Militäreinsatz gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) riskieren, keine «Stiefel am Boden» in Syrien und im Irak einsetzen. Er setzt auf Drohnen, Ausbilder von lokalen Kräften und immer mehr auf US-Spezialeinheiten vor Ort. Eben erst haben die USA weitere 250 Soldaten nach Syrien geschickt – was einen Sprecher des russischen Außenministeriums zur spöttischen Frage veranlasste, ob man diese Soldaten angesichts des «No boots on the ground»-Credos barfuß in Syrien stationieren werde.

«Wir werden den IS zerstören, daran habe ich keinen Zweifel»

Doch wie einst sein Vorgänger George W. Bush den Al-Qaida-Chef Osama Bin Laden (erfolglos) jagte, jagt Obama heute den IS-Chef Abu Bakr al-Bagdadi. Diesen zu fassen, hat höchste Priorität in Obamas letztem Amtsjahr. Er wolle seinem Nachfolger «einen sauberen Stall» hinterlasssen, heißt es. Vor allem aber würde eine Erfolgsmeldung, wie Obama sie 2011 mit der Tötung Bin Ladens dem amerikanischen Volk überbringen konnte, seinen Abgang in Gold tauchen und viele Kritiker seiner Außenpolitik verstummen lassen.

Welchen Stellenwert die Jagd auf Bagdadi hat, verdeutlichen auch die Aussagen hoher US-Militärs zum fünften Jahrestag der Bin-Laden-Tötung. «Wenn wir Bagdadi fassten, hätte das einen großen Einfluss auf diese extremistische Gruppe», sagte CIA-Direktor John Brennan im TV am Sonntagabend. «Bagdadi ist wichtig, und wir werden den IS zerstören, daran habe ich keinen Zweifel.» Es sei unumgänglich Bagdadi und die Führung zu entfernen, die den IS befehligten – auch wenn dieser «nicht einfach eine Organisation, sondern ein Phänomen» sei.

«Ich hoffe, al-Bagdadi sieht diese Pressekonferenz»

Martialischere Töne spucken US-Militärs in Bagdad. Oberst Steve Warren berichtete Pentagon-Reportern am Freitag: «Die IS-Führung hat es zunehmend schwer, ihr sogenanntes Kalifat zusammenzuhalten. Ihre Fähigkeit zu kämpfen, sich zu bewegen und zu kommunizieren wurde stark eingeschränkt.» Truppen der Anti-IS-Koalition «suchen aktiv nach Bagdadi», so Warren.

Man gehe davon aus, dass Bagdadi zwischen Syrien und dem Irak hin und her pendle. «Ich hoffe, Bagdadi sieht sich diese Pressekonferenz an, denn ich will, dass er weiß, dass wir ihn jagen.» Man werde Bagdadi finden, so wie man seinen Mentor Abu Musab al-Zarqawi sowie den «Grandseigneur des Terrors, Osama Bin Laden, gefunden und getötet» habe. Warren sagte weiter: «Bagdadi wird die Gerechtigkeit noch zu spüren bekommen.» Er wisse nicht, ob diese Gerechtigkeit in Form von Hellfire-Rakten oder in Form einer dunklen Gefängniszelle daherkommen werde, «aber sie wird ihn eines Tages finden.» Bis dahin bleibe Bagdadi ein brutaler Terrorist, einer «der niemals gut schlafen sollte».

IS besteht auch ohne Bagdadi weiter

Dass eine Ausschaltung Bagadis nicht das Ende des IS bedeutet, weiß auch Washington. So schwächte die Tötung Bin Ladens die al-Qaida, ohne sie aber zu zerstören. Im Gegenteil: Sie ist nach wie vor in Nordafrika, Somalia, Syrien und im Jemen tätig, und einige ihrer Branchen sind stärker als je zuvor. Das gilt umso mehr für den IS, der über eine widerstandsfähige Zellen-Struktur verfügt, in der ausgeschaltete Bosse schnell durch Leute aus dem mittleren IS-Kader ersetzt werden. Zudem setzt der IS, anders als die al-Qaida, kaum auf den Personenkult rund um seinen «Kalifen». Und so fasst der IS zunehmend in Nordafrika und Asien Fuß – mit oder ohne Bagdadi.

Das alles ist auch den USA bewusst. CIA-Chef Brennan musste einräumen: «Das Phänomen IS wird uns noch über Jahre hinaus beschäftigen.»

(L'essentiel/gux)

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