Opfer häuslicher Gewalt – «Bei der ersten Ohrfeige war ich wie gelähmt»

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Opfer häuslicher Gewalt«Bei der ersten Ohrfeige war ich wie gelähmt»

LUXEMBURG – Ana hatte zehn Jahre Gewalt in einer Beziehung erlebt, ehe sie den Mut fand sich zu trennen. Mit einem Video bei Facebook will sie anderen Frauen Mut machen.

Ensemble il est possible d’aider les victimes!
Merci

#lëtzsaynototheviolenceagainstwomen
#femmesendetresse
#OrangeTheWorld
#CNFL
#ZontaSaysNO
#PasUneDePlusGepostet von Ana Pinto am Mittwoch, 25. November 2020

«Lauft weg» ist der wertvolle Rat, den Ana Pinto allen Frauen gibt, denen durch ihre Partner Gewalt angetan wird. Es ist ein Rat, den sie während ihrer zehnjährigen Tortur an der Seite eines gewalttätigen Mannes selbst hätte gebrauchen können. Jetzt gibt sie ihn in einem Facebook-Video auf Luxemburgisch und Französisch an andere Frauen weiter. «Wie alle Frauen schämte ich mich. Ich sagte mir, dass es meine Schuld sei, dass ich alles falsch mache», erzählt die 45-jährige Mutter. «So sehr, dass ich die Psychologin von ‹Femmes en détresse› fragte, wie ich mich ändern könnte, damit er aufhört, mich zu schlagen».

Alles habe mit einem Wutanfall begonnen, erzählt Ana ihre Geschichte. Dann habe er einige Bemerkungen zu ihrem Outfit gemacht und als die erste Ohrfeige sie traf, sei sie wie gelähmt gewesen. Ana habe sich selbst immer geschworen, dass sie gehen würde, wenn ein Mann sie schlägt. Sie habe sich jedoch in einem Kreislauf wiedergefunden, bei dem sie immer wieder bei sich die Schuld suchte. «Ich bin es, die ihn bis zum Äußeren treibe, dabei liebt er mich doch», schildert Ana ihre Gedanken. Sie habe sich immer vorgestellt, dass er mit Blumen und Geschenken zurückkehre und sich wie der perfekte Ehepartner verhalten würde, aber dann habe alles von Vorne begonnen.

2011 hat es «Klick gemacht»

Für sie sei es das Schlimmste gewesen, dass ihr niemand aus der Verwandtschaft habe glauben wollen. Die Verwandten hätten ihr gesagt: «Komm schon, du hast so viel Glück, er ist der Märchenprinz, jedes Paar hat Probleme.» Ihr Ex-Partner sei nach außen redegewandt aufgetreten, sah gut aus, aber zu Hause sei es mit ihm die Hölle gewesen. Bei Ana habe es 2011 «Klick gemacht», als ihr Ex-Mann «hinter ihrem Sohn her war», wie sie berichtet. Damit habe er bei ihr eine rote Linie überschritten, die sie aus ihrer Starre gerissen habe und sie habe zu sich gesagt: «Ich muss gehen!»

«Aber warum ist sie so lange geblieben?» sei die häufigste Frage, die einer geschlagenen Frau gestellt wird. «Das ist eine schreckliche Frage für eine misshandelte Frau.» Sie versucht es mit einem Bild zu erklären, das ihre Psychologin für die Situation gefunden hat: «Wirft man einen Frosch in einen Topf mit kochendem Wasser, springt er sofort raus, aber setzt man einen Frosch in einen Topf mit lauwarmem Wasser und erhöht die Temperatur, kocht das Wasser am Ende auch, aber der Frosch ist zu erschöpft, um herauszukommen. Das ist genau das, was passiert.» Deshalb habe sie die Situation zehn Jahre lang ertragen.

«Zu bleiben, das ist das Schlimmste»

Sie zeigte ihren damaligen Ehemann an. Der wurde im Jahr 2019 wegen erheblicher Gewaltanwendung, Körperverletzung und Bedrohung verurteilt. Er hat gegen die Verurteilung Berufung eingelegt, das Verfahren läuft noch. Ana habe ihr Leben neu aufgebaut, eine neue Liebe gefunden. Mit ihrem neuen Partner hat sie vor vier Jahren eine Tochter bekommen und im Sommer haben die beiden geheiratet. Es habe lange gedauert, bis sie wieder Vertrauen zu einem Mann habe fassen können. «Es war auch für ihn nicht leicht, die richtigen Worte und Gesten zu finden», schildert Ana. Heute sei sie glücklich, auch wenn die Vergangenheit noch nicht abgeschlossen ist.

Anas Botschaft ist: «Es gibt ein Leben danach, das Schlimmste ist, zu bleiben.» Sie wisse, dass es schwer zu glauben sei, denn ihr Ex-Mann habe sie immer unter Druck gesetzt und ihr gesagt, dass sie unter der Brücke schlafen müsse, wenn sie ihn verließe. Ihr bliebe dann nichts mehr – das habe sie ihm lange geglaubt. «Doch das stimmt nicht!» Es gibt Lösungen, Luxemburg hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt. Doch Ana bedauert trotzdem, dass die Stimme der «Überlebenden Frauen» – Ana gefällt der Ausdruck «Opfer» nicht – nicht stärker gehört werde, um die Betreuung zu verbessern.

«Uns zu glauben ist wirklich das Wichtigste»

«Wir haben etwas zu sagen, um die Dinge besser zu machen.» Sie erinnert sich an den ersten Kontakt mit einem Polizeibeamten, auf den sie stieß, als sie wegen ihres Leides eine Polizeiwache aufsuchte. Damals sei sie entschlossen gewesen, Anzeige zu erstatten, doch der Beamte habe ihr gesagt: «Sind Sie sicher, dass Sie das tun wollen? Das könnte weitreichende Folgen haben, er könnte seinen Job verlieren. Ist es das, was Sie wollen?» Sie habe geantwortet, «natürlich nicht, ich will nur, dass er aufhört, mich zu schlagen», und die Anzeige zurückgezogen.

«Uns zu glauben, ist wirklich das Wichtigste. Nicht wegsehen! Wenn Sie aus der Nachbarwohnung Schreie hören, dann rufen Sie die Polizei, dort könnte eine Frau in Gefahr sein», appelliert die Überlebende und erinnert an die Fälle von Sarah B. und Ana Lopes. Die beiden Frauen sind 2017 und 2018 von ihren Ehemännern getötet worden.

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#ZontaSaysNO
#orangetheworldGepostet von Ana Pinto am Mittwoch, 25. November 2020

(mc/L'essentiel)

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