Immer mehr Betroffene – Binge Eating - Essen bis zum Kollaps
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Immer mehr BetroffeneBinge Eating - Essen bis zum Kollaps

LUXEMBURG - «Binge eating» - das ist Essen ohne Kontrolle. Die Betroffenen können ihrem Appetit nicht wiederstehen. L’essentiel hat mit einer Betroffenen gesprochen.

Im Gegensatz zu Bulimie und Magersucht ist «Binge eating» nicht von dem Verlangen geprägt, das Gewicht zu kontrollieren.

Im Gegensatz zu Bulimie und Magersucht ist «Binge eating» nicht von dem Verlangen geprägt, das Gewicht zu kontrollieren.

«Wenn ich einen Anfall bekomme, esse und esse ich – und ich kann nicht mehr aufhören. Das Verlangen ist so groß, als hätte ich für eine sehr lange Zeit nichts mehr zu essen bekommen. Ich kann zwei Hähnchen auf einmal essen. Danach bin ich so voll, dass ich nur noch krieche kann. Ich kann nicht mehr aufstehen.» Das ist die Aussage einer 32-Jährigen, die anonym bleiben will. Die Belgierin, die in Luxemburg arbeitet, leidet seit mehr als zehn Jahren unter Fressattacken. Derzeit beteiligt sie sich an einer Studie von Forschern der Universität Luxemburg.

«Wenn dadurch etwas herausgefunden wird, das anderen hilft, mache ich das gerne», sagt die junge Frau. Fast drei Prozent der Bevölkerung leiden an der «Binge eating»-Essstörung. «Es gibt noch keine offiziellen Zahlen», sagt der Psychotherapeut Claus Vögele, der die Studie begleitet. «Eine Erhebung in Deutschland kam zu dem Schluss, dass ein bis drei Prozent der Menschen betroffen ist. In den USA sind es sogar bis zu fünf Prozent»

Betroffene können nicht mit dem Essen aufhören/h3>

Im Unterschied zu Bulimie und Magersucht ist «Binge eating» nicht von dem Verlangen geprägt das Gewicht zu kontrollieren. Die Betroffenen sind einfach nicht in der Lage, mit dem Essen aufzuhören, wenn sie eine Fressattacke haben. Und die kann mehrmals täglich kommen. «Menschen, die unter der Krankheit leiden, sind oft depressiv. Sie sind sehr ängstlich und brauchen Zuneigung», sagt Zoé Van Dyck, die die Studie an der Universität ins Leben gerufen hat.

Für ihre junge Teilnehmerin aus Belgien begann alles mit einer Diät, die von ihrem Arzt verordnet wurde. «Es wurde festgestellt, dass sich um mein Herz Fett gebildet hatte», erklärt sie. Daraufhin wurde ihr eine Diät verschreiben, bei der sie viele Proteine zu sich nehmen sollte. «Dadurch sollte das Fett verschwinden.» Über zwei Monate hinweg ernährte sich die Frau ausschließlich mit Nahrungsmitteln in Pulverform. Dabei sei sie nicht vom Arzt betreut oder überwacht worden. «Nach der Diät wusste ich nicht mehr, wie man isst. Und ich konnte die Mengen nicht mehr kontrollieren», sagt de 32-Jährige. Seitdem ist ihr Leben ein Albtraum.

Schmerzen über Tage hinweg

«Ich habe Verdauungsprobleme und über mehrere Tage hinweg Schmerzen», sagt sie. Sie habe schon viele Versuche unternommen, ihre Probleme zu bewältigen. Über zwei Jahre hinweg besuchte sie einen Psychotherapeuten. «Der hat mir ermöglicht, das Problem besser zu verstehen – aber es besteht noch immer. «Momentan helfen nur Antidepressiva», sagt die Belgierin. «Einige verringern das Problem für eine Weile», sagt Claus Vögele. «Aber es gibt Nebenwirkungen.» Vögele plädiert für mehr Psychotherapie plädiert.

«Das Problem ist, dass in Luxemburg zu viele Antidepressiva verschreiben werden – ohne das jemand versucht, die Störung, an der ein Patient leidet, zu verstehen», sagt der Forscher. Laut Van Dyck könnte eine Erklärung auch in der Verbindung der modernen Gesellschaft zu ihren Nahrungsmitteln liegen. «Die Menschen sind nicht mehr in der Lage, sich selbst zu ernähren. Sie essen während des Fernsehens, in Hast, und hören nicht mehr auf ihren Körper.» Zudem seien sie permanent den auf Hochglanz getrimmten Werbe-Bildern der Nahrungsmittelindustrie ausgesetzt. «Es ist überall.»

(Nastassia Solovjovas/sen/L'essentiel)

Die Studie

ATTEND - so heißt Projekt der Universität Luxemburg, dass das Essverhalten verschiedener Personengruppen untersucht. «Wir haben eine Gruppe von Menschen, die an Essstörungen leiden und zum Vergleich eine Gruppe, die nicht betroffen ist», sagt Zoe van Dyck. Unter anderem werden Freiwilligen Bilder von Lebensmitteln gezeigt und dann ihre Reaktionen analysiert.

Die Universität ist noch auf der Suche nach Freiwilligen. Interessierte können sich direkt an Zoé van Dyck wenden.

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