Leere Regale und Hamsterkäufe – Briten fürchten «Winter des Leidens»

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Leere Regale und HamsterkäufeBriten fürchten «Winter des Leidens»

In Großbritannien bleiben Supermarktregale leer, und an Tankstellen gibt es leere Zapfsäulen. Nun könnte das Militär einspringen, sagte Verkehrsminister Grant Shapps.

Energiekrise, höhere Gasrechnungen, weniger Lebensmittel: Menschen in Großbritannien stehen laut «Daily Mail» vor einem «Winter des Leidens». Wirtschaftsminister Kwasi Kwarteng sagte, einigen Familien drohe die Wahl zwischen Heizen und Essen. Die Lichter würden allerdings nicht ausgehen, machte Kwarteng auch Mut.

Die größte Handelskette Tesco warnte vor Panikkäufen, die «weitaus schlimmer» ausfallen könnten, als zu Beginn der Corona-Pandemie. Die Lebensmittelversorgung des Landes stehe «auf Messers Schneide», sagte Minette Batters, die Chefin des Bauernverbandes National Farmers› Union. Sie übermittelte diese Botschaft in einem von mehreren Lebensmittelverbänden unterzeichneten Brief an Premierminister Boris Johnson.

Wegen neuen Einwanderungsregeln nach dem Brexit fehlen außerdem Lastwagenfahrer – so bleiben viele Supermarktregale leer. Und an Tankstellen gibt es leere Zapfsäulen. Kraftstoff ist zwar vorhanden, aber es gibt niemanden, der ihn ausliefert. Nun könnte das Militär einspringen, sagte Verkehrsminister Grant Shapps. Die britische Kulturministerin Nadine Dorries versuchte auf Social Media, die Bevölkerung zu beruhigen. «Es gibt keinen Kraftstoffmangel», twitterte sie. «Ich wiederhole: ES GIBT KEINEN KRAFTSTOFFMANGEL!!»

Shapps machte einen Logistikverband für Panikkäufe an Tankstellen verantwortlich. Es handle sich um eine «künstlich herbeigeführte Situation», sagte Shapps dem Sender «Sky News». Ein Transportverband habe die Medien mit Informationen über ein nicht öffentliches Treffen gefüttert. «Das hat zu ziemlich viel Besorgnis geführt, da die Menschen natürlich auf diese Dinge reagieren», so Shapps.

Er nannte den Verband nicht namentlich, Regierungskreise deuteten allerdings auf «Road Haulage Association» (RHA) hin, den größten Logistikverband im Lande. Er fordert seit Wochen schnelle Maßnahmen gegen einen eklatanten Lastwagenfahrermangel. Der RHA schätzt, dass etwa 100.000 Fahrer fehlen. Als Reaktion will die Regierung bis zu 5000 Arbeitsvisa für ausländische Lkw-Fahrer vergeben.

Es fehlt an Kohlenstoffdioxid

Die hohen Erdgaspreise verschärfen die Lage noch - in einer Kettenreaktion, die die meisten Verbraucher staunen lässt. Im Mittelpunkt: Kohlenstoffdioxid (CO2). Lebensmittel- und Getränkehersteller benötigen das Gas, um Schlachtvieh zu betäuben und Verpackungen vakuumsicher zu versiegeln. Nun ist CO2 ein Nebenprodukt, das bei der Düngemittelherstellung anfällt. Weil aber einige Produzenten wegen der hohen Energiepreise ihre Fabriken stilllegten, fehlt das Gas jetzt. Fleischproduzenten fürchten einen enormen Rückstau, in dessen Folge sie Zehntausende Tiere keulen müssten. Die CO2-Preise könnten sich zudem vervielfachen - und Nahrungsmittel verteuern.

Auch die Energiefirmen leiden, mehrere kleine machten bereits dicht. Das hat zur Folge, dass mindestens 1,5 Millionen Menschen ihren Versorger verloren haben und nun zu teureren Anbietern wechseln müssen. Das hat insbesondere ärmere Menschen hart getroffen. Premierminister und Brexit-Wortführer Boris Johnson reagierte darauf locker. Es handle sich um ein globales Problem und sei eine Folge der Corona-Pandemie. «Es ist, als ob am Ende einer TV-Sendung jeder den Wasserkocher anstellt», sagte Johnson jüngst.

Regierung fürchtet stärkere Inflation

Doch jetzt muss die Regierung einräumen, dass die Kosten nicht so bald wieder sinken dürften. Sie stellt sich auf einen monatelangen Preisanstieg ein – das «Worst-Case-Szenario», wie Wirtschaftsstaatssekretär Paul Scully beim Sender «Sky News» sagte. Das wiederum könnte dazu führen, dass die Inflation, die zuletzt bereits von zwei auf 3,2 Prozent geschossen war, noch weiter steige, so der Industrieverband CBI. Auch einer Umfrage des Marktforschers «GfK» zufolge, sank das Vertrauen der Verbraucher und Verbraucherinnen im September deutlich.

Nun hat die Regierung dem wichtigsten CO2-Hersteller mit Steuergeld unter die Arme gegriffen. Die Industrie atmete auf – und bleibt doch skeptisch. «Dieser Kredit ist nur für drei Wochen vorgesehen», sagte Richard Walker von der Supermarktkette Iceland. «Was passiert danach und was beim nächsten Gaspreisanstieg?» Notwendig sei ein vielfältigerer und nachhaltigerer Energiemix, betonte Walker. Bisher setzt Großbritannien fast zur Hälfte auf Gas. Doch die Speicher sind deutlich leerer als in der EU, Lagerstätten sind weniger vorhanden – und seit dem Brexit fehlt die Absicherung durch den europäischen Energiemarkt.

(L'essentiel/DPA/mur)

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