Schüler unter Drogen – «Cannabis ist heute viel stärker als in den 60ern»

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Schüler unter Drogen«Cannabis ist heute viel stärker als in den 60ern»

LUXEMBURG - Immer wieder fallen Schüler auf, die heimlich kiffen. Psychologin Anouk Hinger weiß aus ihrer Arbeit mit Abhängigen, dass Teenager die Gefahren ignorieren.

Aus den Niederlanden kommt Cannabis nach Luxemburg, das in seiner Wirkung besonders stark ist.

Aus den Niederlanden kommt Cannabis nach Luxemburg, das in seiner Wirkung besonders stark ist.

DPA

Bei Drogentests an Schulen sind in den vergangenen Wochen immer wieder Schüler aufgefallen, die gekifft hatten. Zuletzt wurden an der Privatschule St. Anne in Ettelbrück Schülerinnen mit Gras erwischt. L'essentiel Online hat mit Anouk Hinger, Diplom-Psychologin und Direktionsbeauftragten beim Service Thérapeutique Solidarité Jeunes, gesprochen. Der Verein ist Anlaufstelle für Jugendliche, die Drogen konsumieren, und deren Familien.

L’essentiel Online: Wie verbreitet ist das Kiffen unter Jugendlichen?
Anouk Hinger: Es gibt keine aktuelle Studie darüber, so dass das Ausmaß in Luxemburg nur schwer zu fassen ist. Wir arbeiten mit Jugendlichen zwischen 13 und 18 Jahren, die wegen Drogen auffällig geworden sind. Die meisten wurden von der Polizei aufgegriffen, aber auch Schulen und Eltern schicken Jugendliche zu uns. 75 Prozent von ihnen kommen wegen Cannabiskonsums.

Sind sich Teenager der Gefahren bewusst?
Die Ergebnisse des Drogentests an der Ackerbauschule haben mich nicht überrascht. Jugendliche banalisieren das Kiffen extrem. Viele sagen beim ersten Gespräch bei uns: «Jeder macht das. Da ist noch nichts dabei. Kiffen ist doch harmloser als Alkohol zu trinken.» Vor zehn Jahren stand bei jungen Kiffern eher das Vergnügen im Vordergrund. Heute sind die Fälle problematischer und komplexer. Es kommen 15- oder auch 17-Jährige mit Abhängigkeitssymptomen zu uns. Wenn jemand Cannabis regelmäßig konsumiert, kann das verheerende Konsequenzen haben.

Mit welchen Folgen müssen kiffende Jugendliche rechnen?
Bei regelmäßigem Konsum wirkt Cannabis persönlichkeitsverändernd. Das Gehirn ist schließlich noch nicht ausgereift. Der Wirkstoff THC wirkt sich auf die Motivation aus, die Gedächtnisfähigkeit und Konzentration nehmen ab. Die Leistungen in der Schule verschlechtern sich. Der Jugendliche hat weder Lust auf Sport noch darauf, Zeit mit seiner Familie zu verbringen. Wenn jemand nach langem und intensivem Konsum aufhört, können Nebenwirkungen auftreten, wie Zittern, Schweißausbrüche und Schlafstörungen.

Ist der Wirkstoff selbst stärker geworden?
Ja, Cannabis hat sich gegenüber den 60er und 70er Jahren verändert. Das meiste wird aus den Niederlanden importiert. Dort wird mit Genmanipulation gearbeitet, so dass der THC-Gehalt intensiver wird.

Muss mehr dafür getan werden, dass Teenager erst gar nicht mit dem Kiffen anfangen?
Das Thema Cannabis ist oft tabu, zum Beispiel an Schulen. Es gibt Möglichkeiten, wie Lehrer adäquat reagieren können, wenn sie merken, dass ein Schüler kifft. Das heißt nicht, dass er von der Schule geworfen werden sollte. Vielmehr sollte ihm geholfen werden. In Luxemburg gibt es bereits einige präventive Maßnahmen. So ist beispielsweise das «Centre de Prévention des Toxicomanies» sehr aktiv. Die Politik hat das Problem erkannt, aber sie müsste sich dem annehmen und einen Plan erarbeiten, wie sie Jugendliche und Erwachsene aufklären kann. Wenn wir jetzt nicht reagieren, wissen wir nicht, wo uns die Situation noch hinführt.

Kerstin Smirr/L’essentiel Online

Wo gibt es Hilfe?

Der Service Thérapeutique Solidarité Jeunes ist erreichbar unter Telefon 48 93 48.

Wie viele Jugendliche kiffen?

Aktuelle Statistiken gibt es nicht. Laut des Drogenreports von 2011, der sich auf Zahlen von 2005/06 bezieht, hat rund ein Viertel aller 15-Jährigen in diesem Alter bereits das Kiffen ausprobiert. Bei den Jungen hatten 13 Prozent, bei den Mädchen sieben Prozent in den letzten 30 Tagen zumindest einmal gekifft.

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