Seit 2008 – Cargolux verheizt mehr als 250 Millionen Dollar

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Seit 2008Cargolux verheizt mehr als 250 Millionen Dollar

LUXEMBURG – Die Geschäfte beim Cargo-Carrier liefen zuletzt schlecht. Firmenchef Reich arbeitet an einem Ausweg – und riskiert einen Konflikt mit der Belegschaft.

Schwierige Zeiten für Cargolux und Unternehmenschef Dirk Reich.

Schwierige Zeiten für Cargolux und Unternehmenschef Dirk Reich.

L'essentiel

Die heimische Frachtfluggesellschaft Cargolux fliegt nach einer «Verschnaufpause» im Vorjahr erneut durch heftige Turbulenzen. Wie Unternehmenschef Dirk Reich am Mittwochabend vor Journalisten erklärte, steuere man auf einen Jahresverlust von etwa 20 Millionen Euro zu – und auch das nur wenn die Hochsaison im letzten Quartal einigermaßen gut verläuft. «Wir sind mittlerweile fast wieder auf dem Niveau des Krisenjahrs 2008 angekommen. Die vergangenen drei Monate waren tiefrot», schildert der seit Frühjahr amtierende CEO die heikle Situation. Reich will nun ein umfangreiches Sparpaket in Höhe von 200 bis 250 Mio. US-Dollar schnüren, das auch bereits vom Verwaltungsrat abgesegnet wurde. Einige Maßnahmen könnten zum Knackpunkt bei den anstehenden Kollektivvertragsverhandlungen werden. Entlassungen wird es aus heutiger Sicht aber keine geben, versichert der Deutsche.

Die Situation bei der luxemburgischen Frachtfluglinie ist paradox: Das Frachtaufkommen ist über den Sommer auf Rekordhöhe angestiegen, mit einer Transportleistung von 3568 Millionen Tonnenkilometern lag man im Juli auf Platz sieben der weltgrößten Cargo-Airlines. Eine Wachstumsrate von 14,6 Prozent ließ sogar die Marktführer Emirates und Cathay Pacific erblassen. «Allein in der ersten Septemberwoche haben wir 162 Flüge, davon 78 aus Luxemburg, durchgeführt – so viel wie noch nie», berichtet Reich.

80 Prozent der Verluste mit 20 Prozent der Flotte

Auch wenn die Auftragsbücher bei Cargolux voll sind – die Bilanz weist dennoch tiefrote Zahlen aus. In den vergangenen sechs Jahren hat die teilstaatliche Firma über 255 Millionen US-Dollar «verbrannt». Die Gründe dafür sind unter anderem in Afrika und Südamerika zu suchen: «Wir machen mit diesen Destinationen 80 Prozent unserer Verluste, obwohl wir dort nur 20 Prozent unserer Flotte im Einsatz haben», erklärt Reich die aktuelle Situation. Zu schaffen macht Cargolux der kontinuierliche Preisverfall am weltweiten Luftfrachtmarkt, der vor allem durch Carrier aus dem Nahen Osten befeuert wird. Und die Preise werden in den nächsten Jahren weiter sinken, prognostiziert der deutsche Manager. Um das aktuelle Angebot von 22 Maschinen und zirka 90 Destinationen aufrecht zu erhalten, ist ein Griff zum Rotstift unvermeidlich.

«Cargolux braucht ein neues Geschäftsmodell, die Fliegerei allein reicht nicht mehr. Wir müssen uns vom Motto ‚One Size Fits All‘ verabschieden, das neue Schlagwort muss Spezialisierung lauten», so der Airline-Chef. Potenzial für neue Geschäftsfelder sieht Reich vor allem im Charter-Geschäft und im Flugzeug-Leasing (ACMI), vage Pläne gibt es auch für neue Profitcenter für Transporte auf der Straße (Trucking), Wartung, Reparatur und Betrieb sowie neue E-Commerce-Lösungen.

Wenn die Kostenstruktur nicht ausgedünnt wird, sind diese Pläne jedoch schnell Schall und Rauch. Neuanstellungen will man künftig großteils über Cargolux Italia und den heimischen Kooperationspartner Smart Cargo abwickeln, so Reich. Damit könnte man im günstigsten Fall annähernd die Hälfte der Personalkosten sparen. Die Pilotenvereinigung ALPL und die Gewerkschaften sehen diese Pläne jedoch mit großer Skepsis. Reich hofft dennoch auf einen harmonischen Verlauf der Tarifverhandlungen: «Ich erwarte mir, dass wir bis Ende des Jahres einen Abschluss erzielen.»

China-Geschäft beginnt zu brummen

Zu strahlen beginnt der Manager, wenn er über die Kooperation mit dem chinesischen Investor HNCA und dem Flughafen Zhengzhou spricht. Auch wenn die Renditen derzeit noch nicht überragend sind, schlummert hier noch enormes Potenzial. «Die Flüge nach China laufen besser als erwartet. Vergangene Woche ist der dritte wöchentliche Flug von Luxemburg aus gestartet. Bis Juni nächsten Jahres könnten es schon 15 sein», sagt Reich. Zwei Flüge nach Zhengzhou sollen künftig auch über die umstrittene Italien-Tochter abgewickelt werden. Dennoch: «China allein kann Cargolux nicht retten.» Dreh- und Angelpunkt soll daher weiterhin Luxemburg bleiben: «Wir sind ein luxemburgisches Unternehmen und wollen hier weiter wachsen.»

(Jörg Tschürtz/L'essentiel)

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