Abgestürzte Boeing – «Da drehte einer durch und drückte den Knopf»

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Abgestürzte Boeing«Da drehte einer durch und drückte den Knopf»

Der Iran begründet den Abschuss der ukrainischen Boeing mit einer Verwechslung. Militärexperte Mauro Mantovani kauft das dem Iran nicht ab.

Seit dem Absturz einer Boeing 737 der Fluglinie Ukraine International Airlines mit 176 Toten wurde über die Ursache des Unglücks gerätselt. Am Samstag erklärte der Luftwaffenkommandant der Revolutionsgarde, General Amirali Hadschisadeh, dass am Mittwochmorgen eine Kurzstreckenrakete neben der Boeing explodiert sei. Das Flugzeug sei irrtümlich für einen Marschflugkörper gehalten worden. Hadschisadeh machte einen Kommunikationsdefekt für das Unglück verantwortlich.

Zuvor hatte das iranische Staatsfernsehen vermeldet, dass die ukrainische Unglücksmaschine nahe an einer wichtigen Militärbasis vorbeigeflogen und deshalb für ein feindliches Flugzeug gehalten worden sei.

Verwechslung sei unmöglich

Mauro Mantovani, Sicherheitsexperte, beurteilt die Begründung des Irans als nicht plausibel. «Ein ziviles Großraumflugzeug hat einen ganz anderen Radarquerschnitt als ein Marschflugkörper», sagt er. Zudem sei es, insbesondere in der Startphase, viel langsamer als ein Marschflugkörper im Zielanflug. Ein geschulter Operateur würde diese beiden Objektkategorien nie verwechseln. Mantovani ist deshalb überzeugt: «Da ist einer durchgedreht und hat den Knopf gedrückt.»

Aviatikexperte Olav Brunner geht davon aus, dass der Iran keine Feindfremderkennung durchführte, als sich die ukrainische Boeing der Militärbasis näherte. «Bevor man den Knopf zum Abschuss drückt, muss diese Abklärung passieren.» Möglich sei, dass der Iran angesichts der angespannten Lage mit den USA die Feindfremderkennung zu wenig seriös durchgeführt habe.

«Feindfremderkennung fehlte»

«Flüge über Krisenregionen sind immer ein Risiko», sagt Brunner. Schon mehrmals seien in Konflikten unbeteiligte Flugzeuge versehentlich abgeschossen worden. Es liege im Ermessen der Fluggesellschaft abzuschätzen, ob man solche Gebiete noch überfliegen wolle oder nicht.

Die Swiss etwa hat bis zum 20. Januar alle Flüge nach Teheran gestrichen. Das findet Brunner auch richtig. «Solche Gebiete muss man meiden.» Auch ein friedliches Verhältnis zwischen zwei Ländern sei keine Sicherheitsgarantie, stehe das Überflugsland mit einem anderen in einem Konflikt.

Kurz nach dem Unglück schuldeten die iranischen Behörden den Absturz einem technischen Defekt. An einer Explosion gab es für Olav Brunner aber keine Zweifel. «Als ich das Trümmerfeld sah, war für mich klar, dass etwas in der Luft passierte.» Die Wrackteile seien auf dem Boden weit verstreut worden. «Im Falle eines technischen Defekts hätte man die Wrackteile kompakter vorgefunden.» Auch dass die Piloten keine Notmeldung abgesetzt haben, deute auf ein plötzliches Ereignis hin.

(L'essentiel)

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