Entlassung – Daran scheiterte der «Special One»

Publiziert

EntlassungDaran scheiterte der «Special One»

José Mourinho ist ein ewiger Provokateur. Und ein sehr erfolgreicher Trainer. Beim englischen Rekordmeister wird ihm auch sein Superstar zum Verhängnis.

Es ist noch nicht lange her, Anfang Oktober, um genau zu sein, da lächelte José Mourinho die Frage weg. Er gab sie sogar weiter an den Journalisten, der das Gerücht in die Welt gesetzt hatte, Zinédine Zidane werde demnächst seinen Job übernehmen. Nun ist Mourinho nicht mehr Trainer von Manchester United und die Gerüchte um Zidane aktueller denn je. Am Dienstagvormittag wurde der Portugiese beim englischen Rekordmeister entlassen.

In einem kurzen Statement dankt der Club seinem geschassten Coach für die Zusammenarbeit und wünscht ihm alles Gute. Nach dieser schwachen Hinrunde mit nur 26 Punkten aus 17 Spielen, schon 19 Punkten Rückstand auf Leader Liverpool und der Tatsache, dass eben mit Zidane ein Mann frei zu sein scheint, der mit Real Madrid dreimal hintereinander in der Champions League triumphierte, kommt der Schritt nicht überraschend.

Mit der United gewann Mourinho zwar 2017 die Europa League und im gleichen Jahr den englischen Ligacup. Das ist aber zu wenig für die Ansprüche der Red Devils. Champions League und Meisterschaft, das sind die Titel, nach denen sie im englischen Norden streben. Und Titel, auf die sie in den vergangenen Saisons keine Chance hatten. Das hat mehrere Gründe.

Eine halbe Milliarde

Mourinho kam 2016 und kaufte kräftig ein. Paul Pogba kehrte aus Turin zurück nach England, er war zu diesem Zeitpunkt der teuerste Spieler auf dem Planeten. Ein Jahr später holte Mourinho Romelu Lukaku, einen Stürmer, den er bei Chelsea einst nicht mehr wollte und der sich in ähnlichen Preissegmenten wie Pogba bewegt. Fast 500 Millionen Euro gab Mourinho in drei Sommern aus.

Eine Einheit scheint die zusammengewürfelte Truppe nie geworden zu sein. An keinem anderen Beispiel zeigt sich das besser als an jenem von Paul Pogba. Der Franzose ist in der Nationalmannschaft der unbestrittene Leader, der er so gerne sein will. Er hielt während der WM mit viel Pathos Kabinenansprachen und hatte großen Anteil am Weltmeistertitel. Didier Deschamps ließ ihn da gewähren.

In Manchester aber, da lief es dem Showman nicht so gut. Da fehlte ihm mit N'Golo Kanté ein Spieler, der ihm bei Frankreich den Rücken freihielt und die Drecksarbeit gewissenhaft erledigte. Pogba geriet zwischen Stuhl und Bank oder: zwischen Sechser und Zehner. Defensiv zu schwach, um den Abräumer à la Kanté zu spielen, offensiv aber auch kein Ballverteiler, wie es zum Beispiel ein Kevin De Bruyne beim Stadtrivalen ist.

Die United litt in den vergangenen Monaten mit den Leistungen von Pogba. Und Mourinho zerstritt sich mit seinem Star. Das Amt des Vizecaptains entriss er ihm vor versammelter Mannschaft, englische Medien waren sich schon da sicher: «Einer der beiden muss gehen.»

Unmittelbar nach Mourinhos Entlassung teilte Pogba dieses Bild auf Instagram. Er löschte es kurz darauf.

Weniger Qualität, weniger Power

Pogba war ein Problem für Mourinho. Ein anderes ist seine Mannschaft, die dem Stadtrivalen Manchester City qualitativ nicht das Wasser reichen kann und die Gegner auch nicht mit ihrer Offensivpower überrollen kann, wie es Liverpool tut. Mourinho hat Talente in seinem Kader, Jesse Lingard mit seinem feinen rechten Fuß oder der schnelle Marcus Rashford sind zwei davon. Und er hat mit David de Gea einen Torwart, der an guten Tagen so ziemlich alles hält, was auf sein Tor zukommt. Die Mannschaft hat aber auch ihre Schwächen.

Die Flügelzange von Man United besteht meist aus Ashley Young und Antonio Valencia. Zwei schnelle Außenläufer, die oft als Außenverteidiger ranmüssen, weil Luke Shaw ständig verletzt ist und sich Matteo Darmian auch nach zwei Jahren in England noch nicht so richtig wohlzufühlen scheint. Die Folge: Angriffe oder Versuche, solche zu gestalten, kommen meist nicht bis zu Vollstrecker Lukaku. Sechs Tore in 16 Spielen sind eine magere Bilanz für den Stürmer.

Er legte sich mit allen an

Mourinhos Fußball, eher defensiv orientiert, ist nicht tot. Das bewies Russland an der Weltmeisterschaft, als es das ballbesitzstarke Spanien ausschaltete. Mourinhos Fußball führte auch immer wieder zum Erfolg. Der Champions-League-Titel mit Porto 2004? Sensationell. Das Triple mit Inter Mailand 2010? Spektakulär. Eines von Mourinhos Erfolgsrezepten war dabei stets die Provokation. Bei seinen Triumphen, egal wo, stellte er sich gekonnt vor seine Mannschaft. Indem er provozierte und austeilte, wo es nur ging.

Der exzentrische Portugiese leistete sich bereits mehrere Aussetzer am Spielfeldrand. (Video: AFP, Storyful, Youtube)

Der Portugiese legte sich mit allen an, mit Fans, mit Journalisten, mit anderen Trainern. Er scheute keine Personalentscheide, die im Clubumfeld nicht gut ankamen. Oft blieben die für den Trainer ohne schwere Folgen. Iker Casillas, Juan Mata und Kaka sind Beispiele. Andere Male aber, da schrieb Mourinho Spieler zu früh ab. Kevin De Bruyne, Romelu Lukaku, Mohamed Salah. Sie wollte er bei Chelsea nicht mehr, sie machten ihm in seinen letzten Monaten als United-Coach auf verschiedene Weise das Leben schwer.

(L'essentiel)

Deine Meinung