Gülsen Colak: Darum will Erdogan die «türkische Madonna» ins Gefängnis stecken

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Gülsen ColakDarum will Erdogan die «türkische Madonna» ins Gefängnis stecken

Türkischen Popstars weht je nach politischer Ausrichtung ein rauer Wind entgegen. Nun drohen der beliebten Sängerin Gülsen Colakoglu nach einer scherzhaften Bemerkung auf der Bühne drei Jahre Gefängnis.

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Gülsen bei einem Konzert im März 2022.

Gülsen bei einem Konzert im März 2022.

via REUTERS
Sie wird oft als «türkische Madonna» bezeichnet.

Sie wird oft als «türkische Madonna» bezeichnet.

AFP
Religiös-konservative Kreise um Premierminister Erdogan haben ihr und anderen missliebigen Popstars den Kampf angesagt.

Religiös-konservative Kreise um Premierminister Erdogan haben ihr und anderen missliebigen Popstars den Kampf angesagt.

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Die türkische Sängerin Gülsen Colakoglu ist in ihrer Heimat ein Superstar – und verfügt auch über großes Selbstbewusstsein: Als sie nach der Scheidung von ihrem damaligen Mann, einem Nachtclubbesitzer, in einem Interview gefragt wurde, ob sie in der Ehe häusliche Gewalt erlebt habe, antwortete sie keck, wenn schon, wäre diese von ihr ausgegangen, sie beherrsche ja schließlich Karate.

Wegen ihrer Courage und ihrer offensiven Art, sich nicht um geltende Moralvorstellungen und herrschende Tabus zu scheren, ist sie den religiös-konservativen Kreisen um den türkischen Premier Recep Tayyip Erdogan ein Dorn im Auge, wie die «Neue Zürcher Zeitung» berichtet. Aufgrund ihrer Bühnenpräsenz und ihrer oft freizügigen Outfits wird sie bisweilen als «Madonna der Türkei» bezeichnet. Und immer wieder provoziert sie die strenggläubige Community mit politischen Statements, etwa als sie wegen des verbotenen Pride-Umzugs in Istanbul in diesem Juni auf der Bühne eine Regenbogenfahne entrollte.

Keyboarder als «Perversling» bezeichnet

Doch nun könnte ihr eine scherzhafte Bemerkung während eines Konzertes zum Verhängnis werden. Im April hatte sie ihren Keyboarder einen «Perversling» genannt, als es darum ging, wer sie auf der Bühne auf die Schulter nehmen sollte. Der Hintergrund: Der Musiker hatte eines der vielen Iman-Hatip-Gymnasien im Land besucht, die stark religiös geprägt sind und an denen Vorbeter ausgebildet werden. Auch der türkische Staatschef Erdogan hatte eine solche absolviert – mit ein Grund, dass die Schulen stark an Bedeutung gewonnen haben.

Die locker dahingeworfene Bemerkung von Gülsen wirkte offenbar wie eine gewollte Verunglimpfung der Schulen und sorgte für einen veritablen Shitstorm gegen die 46-Jährige, obwohl sie sich später dafür entschuldigte und angab, sie habe niemanden verletzen wollen. Auch Politiker aus Erdogans AKP surften auf der Welle der Empörung mit, insgesamt 700 Personen stehen hinter der Beschwerde, die der Anklage zugrunde liegt. Denn Gülsen wurde wegen ihrer Bemerkung unter dem Vorwurf der Volksverhetzung festgenommen und zunächst in U-Haft und später unter Hausarrest gestellt. Nun wartet sie auf ihren Prozess – die Staatsanwaltschaft fordert für sie eine dreijährige Gefängnisstrafe.

Skandal um Adam und Eva inszeniert

Kürzlich war bereits die Sängerin Sezen Aksu ins Visier der Sittenwächter geraten, weil diese in einem Lied von ihr einen angeblich respektlosen Verweis auf Adam und Eva gefunden haben wollten, wie die NZZ weiter schreibt. Auf die Intervention der Personen aus dem Umfeld der AKP schaltete sich auch Erdogan persönlich ein und sagte, solchen «Gotteslästerern» gehöre die Zunge herausgerissen.

Allerdings war die folgende Welle der Empörung über diese Drohung so groß, dass Erdogan zurückrudern musste. Auch Gülsen hat zwar ihre Unterstützer, doch bei Aksu war die Solidarität wesentlich größer. Möglicherweise wird nun an ihr ein Exempel statuiert.

Allgemein gerät die Unterhaltungsbranche im Land auf Druck konservativer Kreise immer stärker unter Druck. So wurden in diesem Jahr bereits über ein Dutzend Musikfestivals abgesagt, weil diesen nach Vorwürfen, die Jugend werde dort zu Sex und Alkohol verführt, die Bewilligungen entzogen werden. Live-Musik darf sowieso nur noch bis ein Uhr nachts gespielt werden – eine Regelung, die noch aus Pandemiezeiten stammt und nie aufgehoben wurde.

(trx)

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