Anschlag auf Mannschaftsbus – «Das Bekennerschreiben ist ungewöhnlich, aber ...»
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Anschlag auf Mannschaftsbus«Das Bekennerschreiben ist ungewöhnlich, aber ...»

Nach dem Sprengstoffanschlag auf den Bus von Borussia Dortmund wurde ein Bekennerschreiben mit Referenz zum IS gefunden. Doch wie plausibel ist das?

Nach dem Sprengstoffanschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund geht die deutsche Bundesanwaltschaft von einem terroristischen Hintergrund aus – wobei die genaue Motivlage noch unklar ist. Ein islamistischer Hintergrund des Anschlags sei «möglich», hieß es.

In einem Bekennerschreiben, das in Tatortnähe gefunden wurde, hieß es: Deutsche Tornados seien daran beteiligt, Muslime im Kalifat des Islamischen Staates zu ermorden. Deshalb stünden ab sofort Sportler und andere Prominente «in Deutschland und anderen Kreuzfahrer-Nationen» auf einer «Todesliste des Islamischen Staates» – solange bis Deutschland seine Tornados abziehe und auch die amerikanische Luftwaffenbasis im deutschen Ramstein geschlossen werde.

«Sehr populäre Forderungen»

Wie schätzen Terrorexperten das, was von dem Schreiben bekannt ist, ein? Sowohl Georg Mascolo von der ARD als auch Stephan Humer vom Berliner Netzwerk für Terrorismusforschung sind sich einig: Es dürfte sich schnell klären, ob eine islamistische Gruppe hinter dem Anschlag auf den BVB-Mannschaftsbus steht. Denn die Lage habe sich erstaunlich schnell entwickelt, es habe bereits Hausdurchsuchungen und erste Festnahmen gegeben.

Während Mascolo den Inhalt des Bekennerschreibens gegenüber der deutschen Tagesschau als «sonderbar» bezeichnet, meint Humer: «Die gestellten Forderungen – Abzug der deutschen Tornados, Schließung des US-Stützpunktes Ramstein – sind sehr populäre Forderungen. Gerade Ramstein bietet den USA Unterstützung in der Infrastruktur und hat somit Signalwirkung.»

Er fügt aber auch an: «Das Schreiben ist zwar eher ungewöhnlich, aber es liegt im Bereich des Möglichen.»

«Überwachungssituation mitunter chaotisch»

Tatsächlich entspricht das Hinterlassen eines Bekennerschreibens nicht den Gepflogenheiten des IS, der sich mit seinen Taten in den sozialen Medien profiliert. Entsprechend schließen weder Mascolo noch Humer aus, dass es «auch ganz andere Hintergründe der Tat geben könnte».

Für einen jihadistischen Hintergrund spricht, dass die Islamistenszenen im Bundesland Nordrhein-Westfalen schon seit langem sehr stark sind. «Hier gibt es viel Bewegung. Die Nähe zu Belgien begünstigt das. Dazu kommt, dass die Überwachungssituation in dem Bundesland mitunter chaotisch ist, wie sich auch im Fall vom Berliner Attentäter Anis Amri gezeigt hat», so Humer.

«Eskalation weder in Qualität noch in Quantität festzustellen»

Die drei beim Bus explodierten Sprengsätze, gefüllt mit Metallsplittern und einer Sprengwirkung von mehr als 100 Metern, verdeutlichen: Das war weder ein Lausbubenstreich noch eine Spontanaktion. «Hier ist man professionell und geplant vorgegangen. Wenn überhaupt, dann war das Ziel – die Mannschaft des BVB – willkürlich ausgewählt, um eine hohe mediale Präsenz zu erzielen.»

Das gelte auch für die angebliche «Todesliste des IS» für deutsche Sportler und Prominente. «Damit ruft man die Medien auf den Plan – und erreicht gleichzeitig das Ziel, dass die Verunsicherung zunimmt und sich niemand mehr sicher fühlt.» Es sei eigentlich bemerkenswert, dass es derlei Drohungen erst jetzt gebe, zumal viele Stars sich in Deutschland frei und ohne Personenschutz bewegten, sagt Humer.

Die Attacke gegen den Mannschaftsbus sieht der Terrorismusforscher nicht als eine neue Eskalationsstufe. «Das liegt alles noch im Rahmen dessen, was wir seit einigen Jahren erwarten, eine Eskalation ist weder in der Qualität noch in der Quantität festzustellen.»

(L'essentiel/gux)

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