«Entartete» Kunst – Das dunkle Geheimnis hinter dem Bilderschatz

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«Entartete» KunstDas dunkle Geheimnis hinter dem Bilderschatz

Ein Münchner Rentner besitzt Hunderte Bilder von unschätzbarem Wert – weil sein Vater für die Nazis arbeitete und seine Mutter log.

Rolf Nikolaus Cornelius Gurlitt wohnte in einem unscheinbaren Mietshaus im Münchner Stadtteil Schwabing – zusammen mit 1500 Werken «entarteter» Kunst. Der Schatz des Rentners ist beispiellos. Doch wie kam der Münchner zu dieser einmaligen Kunstsammlung?

Dazu muss man in die Nazi-Zeit zurückgehen, als eine der größten Kunstraub-Aktionen der Geschichte stattfand. Ab 1937 begannen die Nazis damit, moderne Kunstwerke, die sie als «entartet» einstuften, von allen Museen und Reichsbürgern zu konfiszieren.

Der Vater war «Verwerter»

Rund 20’000 Werke gelangten so in den Besitz der Nazis. Nun musste bei jedem dieser Werke festgestellt werden, ob man es gewinnbringend verkaufen oder eintauschen konnte, ob es für eine «erzieherische» Ausstellung geeignet war oder ob es nutzlos war und zerstört wurde.

Und hier kommt Cornelius' Vater Hildebrand Gurlitt ins Spiel. Dieser war in den Dreißigerjahren ein renommierter Kunsthändler und – wie übrigens auch schon sein Vater – ein international bekannter Kunsthistoriker. Der Dresdner durfte ab 1938 als einer von wenigen offiziellen «Verwertern» mit «entarteter» Kunst handeln. Und dies tat er auch – und konnte dabei offensichtlich Hunderte Werke in seinen Besitz bringen.

Nach dem Krieg wurde der Kunstexperte der Nazis nicht etwa als Täter, sondern als Opfer eingestuft, hatte er doch als Enkel einer jüdischen Großmutter einst seine Museumsposten in Zwickau und Hamburg verloren. Dass er danach lukrative «Geschäfte mit dem Teufel» machte, wie die «Süddeutsche Zeitung» schreibt, spielte keine Rolle. Er war schon ab 1947 wieder im Kunsthandel aktiv und wurde laut der «Abendzeitung München» gar Leiter des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen in Düsseldorf. 1957 starb Hildebrand Gurlitt – und hinterließ seinem Sohn eine der größten Kunstsammlungen der Welt.

Eine folgenschwere Lüge

Hier stellt sich die Frage, warum die Bilder nicht früher entdeckt wurden. Erst in den 1960er Jahren fragten die «Wiedergutmachungsämter» Berlin bei der Familie Gurlitt nach – und wurden von der Witwe des Kunsthändlers abgespeist: Die Werke und alle Unterlagen seien bei einem Bombardement in der damaligen Familienwohnung in Dresden verbrannt, behauptete sie laut der «Zeit». Eine blanke Lüge, wie jetzt bekannt wurde.

Doch ebendiese Lüge könnte für die Behörden nun zum Glücksfall werden, weil die Familie Gurlitt damit die Eigentumsrechte an der Sammlung verwirkt hätte. Wenn das Enteignungsverfahren, das die Staatsanwaltschaft Augsburg nun anstrebt, Erfolg hat, kommen die Werke in den Besitz des Staats, der die Bilder danach an die Familien der früheren Besitzer zurückgeben muss.

Weshalb die Behörden jedoch nicht früher nachfragten und wie Gurlitt Junior jahrelang unentdeckt vom Verkauf der Bilder leben konnte, ist eine andere Frage. Auf «Focus Online» spekulieren die Leser bereits empört über eine eventuelle Verstrickung von zuständigen Amts- und Würdenträgern.

(L'essentiel Online/kmo)

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