Luxus-Geigen – Das Ende des Stradivari-Mythos?

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Luxus-GeigenDas Ende des Stradivari-Mythos?

Stradivaris gehen für Millionen von Dollar über den Ladentisch. Sie gelten als die besten Geigen der Welt. Der Test einer US-Forschergruppe lässt daran zweifeln.

Eine Geige aus dem Hause Stradivari kostet Millionen von Dollar. (Bild: Keystone)

Eine Geige aus dem Hause Stradivari kostet Millionen von Dollar. (Bild: Keystone)

Über den Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. Dies gilt beim Essen, bei Kleidern und bei der Partnerwahl. Jedoch nicht bei Geigen. Dort ist jedem Kind bekannt: Die besten und teuersten Instrumente stammen aus der Mache des Italieners Antonio Stradivari aus dem 18. Jahrhundert.

Stradivaris, wie auch die Geigen von Guarneri del Gesù, sind bis heute in ihrem Renommee unübertroffen. Der spezielle Lack, das Holz und der angeblich unvergleichliche Klang lassen die Preise für die Instrumente in Millionenhöhen steigen. Doch sind sie ihr Geld auch wirklich wert?

Eine Forschergruppe wollte es genauer wissen und startete einen Blindtest, wie das Magazin «Proceedings of the National Academy of Sciences» schreibt. Dazu boten sie 21 Musiker auf, die unter sechs ausgewählten Geigen die beste küren sollten. Unter den Objekten waren zwei Stradivaris, eine Geige von del Gesù und drei neuere Modelle. Die drei antiken Stücke brachten es auf einen Gesamtwert von rund zehn Millionen Dollar, die neuen auf etwa 100 Mal weniger.

Geigen-Test im Dunkeln

Die 21 Geigenspieler, im Alter zwischen 20 und 65 Jahren und mit 15 bis 61 Jahren Erfahrung, wurden für den Test in ein abgedunkeltes Hotelzimmer geführt, die Augen verbunden. Dann sollten sie in verschiedenen Experimenten den Sieger küren.

Beim ersten erhielten die Musiker, ohne es zu wissen, je eine alte und eine neue Geige. Nach einer Minute Spielzeit sollten die sagen, welches das bessere der beiden ist. Der Test wurde mit jedem möglichen Geigenpaar und zusätzlich einem doppelten durchgespielt. Resultat: Es wurden mehr neue Geigen vorgezogen als alte. Eine um 1700 erbaute Stradivari fiel gar völlig durch.

Unterschiedliche Bewertungen

Gegen das Urteil der Geiger spricht allerdings, dass die doppelt gespielten Geigenpaare nicht gleich bewertet wurden. Elf Versuchspersonen entschieden sich auch beim zweiten Mal für das gleiche Instrument, zehn jedoch wählten die andere. Laut den Forschern ist dies ein Zeichen dafür, dass sich entweder die Geigen qualitativ nur wenig unterscheiden, die Wahl zufällig getroffen wurde, oder die Testbedingungen nicht optimal waren.

Beim zweiten Test konnten die Musiker alle sechs Instrumente testen. Dabei konnten sie frei wählen, wie lange sie welche Geige spielten. Am Schluss mussten sie ihren Favoriten wählen und in vier Kategorien - Modulationsfähigkeit der Klangfarbe, Ansprache, Spielbarkeit und Tragfähigkeit – das Top- und Flopinstrument bestimmen. Auch hier konnten die teuren Alt-Geigen nicht überzeugen. Jedes der Instrumente wurde mindestens einmal als bestes ausgewählt.

War es eine Stradivari?

Bei der Frage, ob die von ihnen gewählte Geige eine Stradivari sei, mussten die meisten Geiger passen. Sieben von ihnen gaben dies zu, sieben mussten weiter raten und lagen falsch. Nur drei wussten die Antwort. Vier Probanten haben gar nicht erst geantwortet.

Mit diesen Forschungsergebnissen schien einiges vom Glanz der weltbekannten Stradivari-Geigen weggewischt. Der Klang der Geigen ist im Dunkel eines Hotelzimmers offenbar wenig einzigartig. Auf den Preis der Stradivari-Instrumente dürfte dies aber wohl wenig Einfluss haben. Zu groß ist der Name und der Ruhm des Altmeisters aus Italien.

(L'essentiel online/aeg )

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