Polen – Das Geheimnis des krummen Waldes
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PolenDas Geheimnis des krummen Waldes

Wer in diesem Waldstück südlich von Stettin steht, traut seinen Augen nicht. Sämtliche Kiefern sind krumm und schief. Aber warum?

«Krzywy Las» – Krummer Wald: So haben die Polen ein gut 35 Kilometer südlich von Stettin (Szczecin) gelegenes Waldstück getauft. Wer davorsteht, versteht sofort, warum. Denn auf rund 300 Quadratmetern Fläche stehen tatsächlich ausschließlich deformierte Kiefern.

Statt dass ihre Stämme wie sonst gerade nach oben wachsen, weisen sie etwa 20 Zentimeter über der Erde eine 90-Grad-Krümmung auf und wölben sich dann in ausladenden Bögen in die Höhe. Zudem sind sie alle fast identisch gen Norden ausgerichtet.

Krumme Bäume, viele Theorien

Lange rätselten Anwohner, Touristen und Experten, was wohl zu diesem außergewöhnlichen Wuchs geführt hat, und die Erklärungen häuften sich. So sind einige der Meinung, dass die Bäume absichtlich so gezüchtet wurden – damit Tischler sie besser verwenden konnten.

Beweise für diese Theorie gibt es zwar nicht, aber lange Zeit war sie die realistischste. Denn andere Stimmen erklärten den ungewöhnlichen Wald mit Aliens, Zauberei oder Magnetfeldern. Auch das in der Nähe gelegene Kohlekraftwerk Dolna Odra wurde zeitweise verdächtigt.

Krieg trägt Mitschuld

Am wahrscheinlichsten ist die Theorie der Fachleute des Landesverbandes der Schulgeographen Mecklenburg-Vorpommern. Sie vermuten, das Forstarbeiter des 19. Jahrhunderts dahinterstecken. Denn damals war die Technik des Stockausschlags weit verbreitet (siehe Box).

Die dabei abgeholzten Jungkiefern wurden wahrscheinlich als Weihnachtsbäume genutzt. Die Experten gehen davon aus, dass die triebfähigen Stümpfe eigentlich hätten weiter genutzt werden sollen, was aber kriegsbedingt nicht der Fall war. Bewiesen ist aber auch diese Theorie nicht.

Viel Zeit, die Vermutungen zu bestätigen, bleibt nicht mehr. Der Krumme Wald ist über die Jahre morsch geworden und damit eine Gefahr für den Menschen. Immer mehr Kiefern stürzen um oder müssen aus Sicherheitsgründen gefällt werden. Damit künftige Generationen das Phänomen nicht nur vom Hörensagen kennen, sind Forscher der Naturwissenschaftlichen Universität Posen nun dabei, den ungewöhnlichen Wald für zukünftige Generationen zu dokumentieren – mithilfe eines 3-D-Laser-Scanners und eines Computers, der die Einzelaufnahmen schließlich zusammenfügt.

(L'essentiel)

Beim Stockausschlag wird ein junger, triebfähiger Baum oder Strauch oberhalb des ersten Triebes geschlagen, um aus den nachwachsenden Trieben Nutzhölzer wie Weidenruten zu gewinnen. (Bild: Wikimedia Commons/Cat James/CC BY 2.5)

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