Human Rights Watch – «Das Leiden hier ist so sinnlos»

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Human Rights Watch«Das Leiden hier ist so sinnlos»

Peter Bouckaert setzt sich auf dem Balkan für Flüchtlinge ein. Seine Arbeit sieht er auch als Teil des Kampfs gegen den IS-Terrorismus.

Der Belgier Peter Bouckaert war einer der ersten, die das Bild vom ertrunkenen Flüchtlingsjungeen Aylan Kurdi getwittert haben. Seinen Twitter-Account hatte das «Time»-Magazin 2014 zu einem der 150 wichtigsten der Welt gewählt. 20 Minuten sprach mit dem Mitarbeiter der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch über die schönen und schlimmen Momente seiner Arbeit.

Peter Bouckaert, was haben Sie auf Ihrer letzten Reise erlebt?

Es war eine sehr emotionale Zeit. Ich war in Mazedonien, Ungarn, Griechenland und der Türkei, um mit Flüchtlingen zu sprechen. Sie erzählten mir, was sie erlebt und welche Hindernisse sie unterwegs überwunden haben.

Was erzählen Ihnen die Menschen?

Es bekomme viele Geschichten des Leidens zu hören. So habe ich etwa erfahren, dass afghanische Flüchtlinge an der Grenze zur Türkei von iranischen Grenzbeamten beschossen werden. Viele erzählen aber auch von Missbräuchen durch Polizisten auf dem westlichen Balkan oder durch Menschenschmuggler.

Viele dieser Menschenrechtsverletzungen werden nie gerichtlich verfolgt. Ist das nicht frustrierend?

Nein. In Ungarn konnten wir etwa die unhaltbaren Zustände in den Flüchtlingscamps öffentlich machen und so die Regierung unter Druck setzen. Danach besserte sich die Situation in den Lagern. Natürlich können wir nicht die ganze Welt verändern, aber es ist wichtig, dass Menschenrechtsverletzungen aufgedeckt werden.

<a href="https://www.hrw.org/news/2015/09/02/dispatches-why-i-shared-horrific-photo-drowned-syrian-child" target="_blank">In einem Ihrer Artikel </a>vergleichen Sie den ertrunkenen Flüchtlingsjungeen Aylan Kurdi mit Ihren eigenen Kindern. Wie schaffen Sie es, eine professionelle Distanz zu halten?

Ich arbeite seit 15 Jahren im Nahen Osten und bin darauf trainiert, mit Notsituationen umzugehen. Ich habe aber auch gelernt, dass es unmöglich ist, Distanz zu halten, wenn Menschen involviert sind. Es gibt Leute, die den Fernseher abschalten, wenn Geschichten über Syrien und Flüchtlinge kommen. Ich persönlich kann aber die Syrer nicht einfach so ihrem Schicksal überlassen. Es ist mein Beruf und meine Aufgabe die Menschen dazu zu bringen, sich um sie zu kümmern.

Was macht Sie wütend?

Dass ein großer Teil des Leidens so sinnlos ist. Es bräuchte nur ein bisschen mehr Organisation und Solidarität, um die Leute vor schrecklichen Erfahrungen auf ihrer Flucht zu bewahren. Wir müssen verstehen, dass wir uns hier in einem Kampf um die Herzen der Menschen befinden. Die Art, mit der wir die syrischen Flüchtlinge behandeln, wird sich im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat widerspiegeln.

Was ist angesichts der Flüchtlingskrise nötig?

Wir müssen mehr tun, um die Situation in Syrien, Irak und Afghanistan zu verbessern, damit die Leute dort nicht mehr flüchten müssen. Wir müssen aber auch die Nachbarländer von Syrien – Jordanien, den Libanon und die Türkei – so weit unterstützen, dass die Flüchtlinge dort ein zumutbares Leben führen können. Und wir sollten in Europa die zunehmend alarmistische Stimmung überwinden. Die EU schätzt, dass bis 2017 einer von 250 europäischen Bürgern ein Flüchtling sein wird. Verglichen mit Ländern wie dem Libanon, wo jeder vierte ein Flüchtling ist, ist das so gut wie nichts, damit können wir umgehen.

Was stimmt Sie positiv?

Wenn ich auf meinen Recherchen jemandem begegne, der Hilfe braucht, frage ich meine Follower auf Twitter oder Facebook, ob sie ihn unterstützen können. Vor kurzem habe ich nach einem Rollstuhl für einen Jungen ohne Beine gefragt. Innert zwölf Stunden hatte ich zwei Rollstühle.

(L'essentiel)

Peter Bouckaert ist Krisendirektor und Menschenrechts-Experte bei Human Rights Watch. Er hat Kriegsrecht studiert und mehrfach vor dem internationalen Strafgerichtshof in Den Haag Zeugnis abgelegt.

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