Luxemburger Umweltforscher – «Das Risiko wurde unterschätzt»

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Luxemburger Umweltforscher«Das Risiko wurde unterschätzt»

LUXEMBURG – Der Wissenschaftler Jeff Da Costa erklärt die wiederkehrenden Überschwemmungen und weist auf Mängel im Warnsystem hin.

Heftige Regenfälle haben Mitte Juli in Luxemburg für Überschwemmungen gesorgt.

Heftige Regenfälle haben Mitte Juli in Luxemburg für Überschwemmungen gesorgt.

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«L'essentiel»: Wie sind die neuen Überschwemmungen im Süden am Dienstag zu erklären?

Jeff Da Costa: Dies ist das Ergebnis der Ereignisse der letzten vierzehn Tage und der vorangegangenen Regenfälle. Ein Nebeneffekt. Die Böden sind gesättigt, die Überschwemmungen erodieren sie. Sie versuchen, das Wasser zurückzuhalten, leiten es aber schließlich in die Wasserläufe ein.

Wie lange wird es dauern, bis sich die Böden erholen, und muss man in der Zwischenzeit weitere Unwetter erwarten?

Es kann kein konkreter Termin genannt werden. Diese Zeitspanne hängt von der Art des Bodens, der Intensität und der Dauer der Niederschläge ab. Wir können nicht sagen, wo es überlaufen wird, denn wir bräuchten eine gründliche Bodenuntersuchung, und die Regenfälle können sehr lokal begrenzt sein.

Sind Erdsenkungen möglich?

Angesichts der Schlammmassen, die sich flussabwärts der Moselweinberge auftürmen, der Erdrutsche, die in den letzten Jahren beispielsweise im Müllerthal stattgefunden haben, und der prognostizierten Zunahme von Überschwemmungen im Zuge des Klimawandels sollte dies neu bewertet werden.

Wie verhält man sich im Falle einer Überschwemmung?

Da gehört einiges dazu. Ich habe Menschen gesehen, die durch Wasser gelaufen sind, ohne den Strom abzustellen, und die auf überfluteten Straßen gefahren sind. Man sollte aber nicht die Leute für das verantwortlich zu machen, was falsch gelaufen ist.

Wer ist Schuld daran?

Das Phänomen war dasselbe wie in Belgien oder Deutschland. Dort wurden mehr als 200 Menschen getötet. Wir wurden nur durch Zufall verschont, weil das Wettersystem hier weniger heftig war, aber nicht durch Krisenmanagement. Wenn man hört, dass alle funktioniert habe...

Die Warnung wurde nicht weitergeleitet?

Es ist nicht Aufgabe der Bevölkerung, sich selbst die Warnungen herauszusuchen. Am 10. Juli gab es eine Meldung des europäischen ESAS-Systems. Der Krisenplan wurde erst am frühen Abend des 14. ausgelöst. Das Risiko wurde unterschätzt. Nicht nur in Luxemburg.

Bis Ende 2022 ist im Großherzogtum ein neues Warnsystem geplant...

Wir haben bereits heute die Mittel, um vorausschauend zu planen. Aber die Übertragungskette hat nicht funktioniert. MeteoLux und andere Verwaltungen sind nicht befugt, Menschen zu evakuieren. Wir brauchen einen Dialog mit den Wissenschaftlern, um die Dinge zu verbessern.

Sollte man jetzt Angst haben?

Es waren traumatische Ereignisse. Ich verstehe, dass die Menschen dem derzeitigen System nicht vertrauen. Aber Angst sollte kein Motor sein. Menschen vergessen schnell und blicken in die Zukunft. Man sollte nicht an dem Geschehenen festhängen, sondern muss in die Forschung investieren und unabhängige Experten zu Rate ziehen.

(Nicolas Martin/L'essentiel)

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