Briefe in Isjum gefunden: Das schreiben Putins Propaganda-beeinflusste Kinder den Soldaten

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Briefe in Isjum gefundenDas schreiben Putins Propaganda-beeinflusste Kinder den Soldaten

Briefe zeigen es: Viele russische Soldaten können und wollen nicht mehr, denn sie erfahren in der Ukraine die Realität des Krieges. Derweil wäscht die Staatspropaganda daheim fleißig Kinderhirne.  

«Ich weigere mich, meinen Dienst in der Spezialoperation auf ukrainischem Territorium zu erfüllen, weil mir die Ferientage fehlen und ich moralisch erschöpft bin», schreibt ein russischer Kommandeur eines Flugabwehrraketenzuges aus der Region Moskau. Sein Brief mit Datum vom 10. August wurde mit anderen Briefen russischer Soldaten in einem  Haus im mittlerweile zurückeroberten Isjum in der Ukraine gefunden, aus dem sich die russischen Truppen letzte Woche Hals über Kopf zurückzogen. 

Ein anderer Soldat bittet um seine Entlassung, weil sich «mein Gesundheitszustand verschlechtert hat und ich nicht die notwendige medizinische Hilfe erhalten habe.» In anderen Briefen ist die Rede von «körperlicher und moralischer Erschöpfung.»

Russische Soldaten hinterließen auf ihrem Rückzug allerhand persönliche Gegenstände, darunter auch Briefe, wie sie jetzt in Isjum im Oblast Cherson gefunden wurden. 

Russische Soldaten hinterließen auf ihrem Rückzug allerhand persönliche Gegenstände, darunter auch Briefe, wie sie jetzt in Isjum im Oblast Cherson gefunden wurden. 

REUTERS

Oder davon, dass es den Soldaten untersagt wurde, für einige Tage heim zu dürfen, um bei der Geburt ihrer Kinder dabei zu sein – ein Verbot, das auch ukrainische Soldaten beklagen, aber mit zusammengebissenen Zähnen eher hinzunehmen bereit sind, zumal sie ihr Land gegen den russischen Aggressor verteidigen. Im gleichen Haus  – es diente offenbar als Basis der russischer Soldaten – fanden sich laut «Washington Post» auch Briefe von Schülern aus der Heimat. Sie machen deutlich, wie stark die russische Staatspropaganda auch die Sicht der Jüngsten beeinflusst.

«Du beschützt friedliche Zivilisten»

«Ich hoffe, du wirst am Ende gewinnen und wenn du Kinder hast, wirst du in ihren Augen ein Held sein», schreibt ein Junge namens Geydar. «Ich bin euch dankbar, dass wir unter einem hellen und klaren Himmel leben», schreibt ein anderer Junge, der angibt, in der Stadt Mytischtschi die vierte Klasse zu besuchen.

«Du beschützt friedliche Zivilisten, du erfüllst die Hauptpflicht eines jeden Menschen», so ein gewisser Leonid. Und weiter: «Ich denke, dass Krieg etwas sehr Schlimmes und Beängstigendes ist. Es gibt den Tod unschuldiger Menschen, Zerstörung, wenn man kein normales Leben führen kann, wenn man kein Zuhause mehr hat, keine Arbeit, und wenn man seine Angehörigen verliert. Ich hoffe, dass du durchhältst und wir einen vollständigen Sieg erringen können! Viel Glück! Ich glaube an dich!»

Bildung auf Linie gebracht: Der russische Präsident Wladimir Putin besucht am 1. September 2022 eine Schule in Kaliningrad. 

Bildung auf Linie gebracht: Der russische Präsident Wladimir Putin besucht am 1. September 2022 eine Schule in Kaliningrad. 

via REUTERS

Ukrainische Soldaten hatten die Briefe der Soldaten und Schüler gefunden und der «Washington Post» zur Einsicht gegeben. Die Echtheit der Schreiben sei von unabhängigen Forensikern nicht bestätigt worden, schreibt diese. Von ihrer Authentizität kann dennoch ausgegangen werden, wurden die Dokumente doch zusammen mit vielen anderen zurückgelassenen, persönlichen Gegenständen wie Stiefel und Uniformen russischer Soldaten gefunden.  

Fakt ist, dass das russische Bildungssystem sich mittlerweile zur Propagandamaschine für den Krieg in der Ukraine entwickelt hat und Schüler und Schülerinnen instrumentalisiert. In «Lehrstunden des Patriotismus» wird eingetrichtert, dass Russland aufopferungsvoll die «russische Welt» gegen den «böswilligen Westen» und die «Nazis» verteidige. Lehrer und Lehrerinnen, die sich auch nur ansatzweise kritisch über den Krieg äußern, werden von den Schülern und Schülerinnen nicht selten denunziert. 

Der Schulalltag beginnt neu jetzt mit einer Flaggenzeremonie und dem Abspielen der Nationalhymne. Dem Rektorat jeder Schule wird ein Berater zur Seite gestellt, welcher die politische Linie des Unterrichts anleiten soll. Selbst die Dreijährigen in den Kindergärten werden mit patriotischen Programmen auf Kreml-Linie gebracht. 

(gux)

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