Top-Teams vor Saisonbeginn – Der große F1-Formtest

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Top-Teams vor SaisonbeginnDer große F1-Formtest

Quietschende Reifen, dröhnende Motoren – in der Formel 1 gilt es wieder ernst. Lesen Sie im ersten Teil des Form-Checks, wo die Top-Teams stehen.

Kurz vor dem Saisonauftakt in Australien herrscht in der Formel 1 nach wie vor großes Rätselraten, wer wo steht. Die Universalantwort lautet: In Australien wissen wir mehr. Dennoch wagen wir uns an eine Rangliste – gestützt auf Einschätzungen von Force-India-Testpilot Nico Hülkenberg, der bei den Barcelona-Tests vor zwei Wochen das Fahrverhalten der Autos exklusiv für uns studierte.

Zwar ist Nico Hülkenberg kein Hellseher. Er ist auch kein gelernter Aerodynamiker, der auf einen Blick gute von sehr guten Ideen unterscheiden kann. Aber die Erfahrung und ein geschultes Auge erlauben dem Deutschen, dass er anhand von Kurvenstudien einschätzen kann, wer in etwa wo steht. «Allerdings», wirft Hülkenberg ein, «sind solche Einschätzungen mit Vorsicht zu genießen. Es gibt so viele unterschiedliche Parameter, dass sichere Rückschlüsse nicht möglich sind.»

Das Top-Team schlechthin

Landsmann Nick Heidfeld, der ebenfalls seine Tipps abgibt, pflichtet bei. Der Renault-Ersatzpilot geht sogar einen Schritt weiter und behauptet: «Ich bin noch nie mit einer so großen Ungewissheit in eine neue Saison gestartet.

«In Jerez hätte ich Ferrari noch auf Platz 1 getippt», holt Hülkenberg aus, «davon bin ich nicht mehr überzeugt. Red Bull machte mir in Barcelona einen zu starken Eindruck. Vettel war in Kurve 3 so früh am Gas wie kein anderer. Auch bei den Richtungswechseln kommt keiner an den RB7 heran. Das Auto liegt fantastisch.»

Red Bull als Favorit

Auch Heidfeld muss neidlos anerkennen, dass Red Bull – zumindest beim Saisonstart – einen klaren Vorteil hat. «Die haben noch längst nicht alles ausgepackt», ist der Mönchengladbacher überzeugt.

Was für die Gegner besonders beängstigend ist: Der sonst für eher anfällige Konstruktionen bekannte Newey hat mit dem RB7 ein Fahrzeug auf die Beine gestellt, das äußerst zuverlässig ist. Red Bull hat in 15 Tagen 6 129 Kilometer abgespult – so viel wie noch nie bei Wintertests. Beide Fahrer scheinen auf Kommando schnelle Rundenzeiten fahren zu können, soweit die Reifen das zulassen. Auch die Lockerheit von Mark Webber beim offiziellen Pressetermin war nicht gespielt. Red Bull geht als Favorit in die neue Saison.

Der direkte Verfolger

Den Schönheitspreis gewinnt Ferrari nicht. Doch das ist auch nicht nötig. Die Roten sind mit 6 981 km Testweltmeister und haben fast doppelt so viele Kilometer mit dem neuen Auto abgespult wie McLaren. «Das ist ein Riesen-Vorteil», urteilt Hülkenberg. «Kein Team hat mit KERS und den neuen Pirelli-Reifen so viel Erfahrung gesammelt wie Ferrari. Das heißt: Sie verstehen ihr Auto am besten und können nun sukzessive Updates bringen.»

Die vorerst letzte Ausbaustufe kam in Barcelona in Form eines neuen Auspuffsystems, bei dem die Endrohre vor den Hinterrädern ins Freie treten und die heißen Abgase innen an den Rädern vorbei auf den Diffusor geblasen werden. Ferraris Taktik, mit einem konservativen Basismodell zu starten, Daten zu sammeln und erst dann anzugreifen, scheint aufzugehen, «auch wenn das Auto unspektakulär wirkt», sagt Hülkenberg.

Teams wie McLaren oder Force India hatten eine andere Strategie verfolgt. Sie setzten beim ersten Test in Valencia noch auf das Vorjahresmodell. In der Hoffnung, man könne das Verhalten der Pirelli-Reifen dadurch besser verstehen. Dieser Schuss scheint nach hinten losgegangen zu sein.

Eigentlich stört am neuen Ferrari nur etwas: die Modell-Bezeichnung. Nach F150 und F150th Italia hört die rote Göttin nun auf den Namen 150° Italia.

Der Kampf um Platz 3

Hinter Red Bull und Ferrari sieht Hülkenberg einen Zweikampf zwischen Renault und McLaren – mit leichten Vorteilen für die Franzosen, die hinter Mercedes über das Auto mit dem zweitkürzesten Radstand verfügen. «Was ich von Renault gesehen habe, hat mich positiv überrascht», sagt Hülkenberg. «Das Auto macht einen gut ausbalancierten Eindruck. Ich habe Petrov sieben Runden am Stück beobachtet. Das hat zügig ausgeschaut und – noch wichtiger – sehr reifenschonend.»

Renault gilt als «Erfinder» des nach vorne verlegten Auspuffs. Dieser kann durch den Wegfall des Doppeldiffusors das Zünglein an der Waage spielen. Anders McLaren. Die glitzernde Wundertüte ist auch für Hülkenberg schwer einzuschätzen. «In Jerez hatte ich einen guten Eindruck vom MP4/26. Hier habe ich ihn leider nur herumrollen sehen. Eins steht aber fest: Das Auto hat Potenzial.»

Christian Eichenberger/20min.ch/L'essentiel Online

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