Angriffe auf Krankenhaus – Der letzte Kinderarzt von Aleppo ist tot

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Angriffe auf KrankenhausDer letzte Kinderarzt von Aleppo ist tot

Die Waffenruhe existiert in Aleppo nur noch auf dem Papier. Den Angriffen ist offenbar auch der letzte Kinderarzt aus den von den Rebellen gehaltenen Stadtgebieten zum Opfer gefallen.

Die Waffenruhe im Bürgerkriegsland Syrien bröckelt immer mehr. Bei Kämpfen in der nordsyrischen Stadt Aleppo und dem Beschuss eines Krankenhauses wurden binnen 24 Stunden mindestens 61 Menschen getötet, wie Aktivisten und Hilfsorganisationen mitteilten.

Am Mittwochabend trafen Luftangriffe das Kuds-Krankenhaus und umliegende Gebäude in Aleppo. Die Organisation Ärzte ohne Grenzen erklärte, unter den Toten seien 14 Patienten und Mitarbeiter des von ihr und dem Internationalen Roten Kreuz betriebenen Krankenhauses. «Wo ist der Aufschrei unter denen mit der Macht und der Verpflichtung, dieses Gemetzel zu stoppen?», fragte die Einsatzleiterin der Gruppe in Syrien, Muskilda Zancada.

Unter den Toten soll auch Mohammed Wasim al Muadh sein. Er war letzte Kinderarzt, der noch im von Rebellen eingenommenen Ostteil der Stadt tätig war.

«Alle 25 Minuten ein Syrer getötet»

Am Donnerstag berichteten der Opposition nahe stehende Aktivisten von einer Serie von Luftangriffen auf ein Krankenhaus in der einst blühenden Wirtschaftsmetropole, denen mindestens 20 Menschen zum Opfer gefallen seien.

«In den vergangenen 48 Stunden ist durchschnittlich alle 25 Minuten ein Syrer getötet und alle 13 Minuten ein Syrer verletzt worden», klagte UNO-Vermittler Staffan de Mistura.

Offensive auf Aleppo?

Im Mittelpunkt der nächsten Phase des Krieges dürfte nach wie vor Aleppo stehen. Die Konfliktparteien bereiteten sich nun auf eine Großschlacht um die Stadt vor, meldeten führende Aufständische und oppositionelle Aktivisten der Nachrichtenagentur AP.

Dschamil Saleh, Kopf der Rebellensplittergruppe Tadschammu Alessah, weiß davon zu berichten, dass die syrischen Regierungstruppen ihre Soldaten mobilisierten, Ausrüstung und Munition für eine militärische einsatzbereit machten. Seine vornehmlich in Hama und Latakia aktive Gruppe habe daher Kämpfer nach Aleppo geschickt, um den Rebellen dort bei der Abwehr der Offensive zu helfen, sagte er.

Aktivisten bestätigen, dass sich rund um Aleppo etwas zusammenzubrauen scheint. Sie hätten erst kürzlich eine umfangreiche Verlegung von Einheiten der syrischen Armee und mit ihr verbündeter Milizen vom zentralen Palmyra in die Umgebung Aleppos beobachtet.

Einmischung der Türkei und Saudi-Arabiens?

Für die Menschen ist es eine Art Déjà-vu. Aleppo war schon Ziel einer beinahe erfolgreichen Offensive der Regierungstruppen auf die von Rebellen gehaltenen Viertel, ehe die USA und Russland am 27. Februar die Waffenruhe eingefädelten. Die Feuerpause hielt überraschend gut, was als Zeichen der Erschöpfung aller Seiten gedeutet wurde.

Nun könnte es zu einem zermürbenden Kampf um die Stadt kommen – mit dramatischen Folgen: Beobachter rechnen mit zahlreichen Toten und einer neuen Welle von Flüchtlingen. Hinter vorgehaltener Hand wird auch über eine Einmischung von Saudi-Arabien und der Türkei gemunkelt, die als wichtigste Stützen der Aufständischen gelten. Riad und Ankara könnten ihnen in Anbetracht der verpuffenden Genfer Friedensgespräche wieder Waffen zukommen lassen. Noch hofft der UNO-Sondergesandte de Mistura zwar auf eine Fortsetzung der Verhandlungen im Mai und deren Fortdauern bis Juli. Vorher müsse aber die Gewalt zurückgehen, mahnt er.

(L'essentiel/gux/sda)

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