Operation an sich – Der Mann, der sich selber den Blinddarm entfernte

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Operation an sichDer Mann, der sich selber den Blinddarm entfernte

Leonid Rogosow war 1961 der einzige Doktor weit und breit, als ihm in der Antarktis der Appendix zu platzen drohte. Ihm blieb nur die Selbstoperation.

Zwölf Männer bezogen am 18. Januar 1961 im Rahmen der 6. Sowjetischen Antarktisexpedition die nigelnagelneue Nowolasarewskaja-Station. Für einen unter ihnen sollte die Station zu einem schicksalshaften Ort werden: Leonid Rogosow. Der junge Russe wurde kurz darauf weltberühmt.

Rogosow war Hausarzt und nahm in dieser Funktion an der Expedition teil. Gegen März wurde die Lage um die Station langsam ungemütlich, der Winter brach ein. Die Männer waren von der Außenwelt abgeschnitten. Das war an sich kein Problem und so geplant.

«Wer könnte mir helfen?»

Nicht geplant war hingegen die Blinddarmentzündung, die sich am 29. April bei Rogosow ankündigte. Der Arzt erkannte schnell, was ihm fehlte, wie sein Sohn gegenüber der BBC sagte. Doch angesichts der tobenden Schneestürme war an eine Evakuierung nicht zu denken.

Rogosow machte vorerst gute Miene zum bösen Spiel. In sein Tagebuch schrieb er: «Es scheint, als hätte ich eine Appendizitis. Ich sage nichts und lächle. Wieso sollte ich meine Freunde beunruhigen? Wer könnte mir helfen?» In der Tat gab es auf der Polarbasis niemanden außer ihm, der etwas tun konnte.

Der Arzt versuchte die Entzündung mit Antibiotika und Kühlpaketen unter Kontrolle zu bringen, doch es half nichts. Er wurde zusehends schwächer. Sein Fieber stieg und er musste sich häufig übergeben. Er hatte keine andere Wahl: Er musste sich selbst operieren.

Operation mit Spiegel

Am 1. Mai um punkt 2 Uhr begann der 27-Jährige mit der Operation, nachdem er seine untere Körperhälfte betäubt hatte. Zur Hand gingen ihm ein Maschinenbau-Ingenieur und ein Meteorologe. Sie reichten ihm die Instrumente oder hielten einen Spiegel, damit der Arzt besser sehen konnte.

Nach etwa 30 bis 40 Minuten wurde er immer schwächer und ihm wurde schwindlig. Er begann, alle vier bis fünf Minuten eine Pause von 20 bis 25 Sekunden einzulegen. Der Spiegel entpuppte sich als zweischneidiges Schwert. Rogosow schrieb dazu: «Der Spiegel hilft, aber er behindert mich auch – schließlich sehe ich alles verkehrt. Ich orientiere mich hauptsächlich durch berühren.»

Schließlich stieß Rogosow zum Appendix vor. Was er sah, ließ in erschauern. Der Wurmfortsatz war bereits schwarz verfärbt. Einen Tag später wäre er geplatzt. Doch dem Arzt gelingt es, ihn zu entfernen. Er desinfizierte die Wunde und nähte sein Bauchfell wieder zu. Alles in allem dauerte die Operation eindreiviertel Stunden.

Nach zwei Wochen arbeitete er bereits wieder

Nach der Operation ging es Rogosow bald besser. Nach fünf Tagen hatte er wieder normale Temperatur und weitere zwei Tage später konnten die Fäden entfernt werden. Zwei Wochen später arbeitete er wieder auf der Station.

Die Selbstoperation machte ihn zu einem Helden in der Sowjetunion. Er wurde mit dem Orden des Roten Banners der Arbeit ausgezeichnet. Nach seiner Rückkehr nach Leningrad im Oktober 1962 machte er eine Ausbildung zum Chirurgen und arbeitete in dieser Funktion, bis er im Jahr 2000 im Alter von 66 Jahren starb.

(L'essentiel/jcg)

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