Mordserie in Frankreich – «Der Mann lässt seinen Opfern keine Chance»

Publiziert

Mordserie in Frankreich«Der Mann lässt seinen Opfern keine Chance»

Nach dem Anschlag in Toulouse ist die Angst vor weiteren Angriffen groß. Nicolas Sarkozy hat erstmals seit 1981 die höchste Alarmstufe ausgerufen. Heute steht Frankreich für eine Minute still.

Nach einer offenbar rassistisch motivierten Mordserie herrscht in Frankreich großes Entsetzen. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy reagierte mit der Verhängung der höchsten Terror-Alarmstufe für die Region. Ein Unbekannter hat am Montag drei Schüler und einen Lehrer vor einer jüdischen Schule in Toulouse erschossen. Im Moment deutet alles darauf hin, dass ein Irrer in der Region sein Unwesen treibt. Die Schüsse kamen nämlich aus derselben Waffe, mit der in der vergangenen Woche drei Soldaten getötet und einer schwer verletzt worden waren - ebenfalls in Toulouse und in der etwa 50 Kilometer entfernten Gemeinde Montauban. Drei der Soldaten hatten Wurzeln in Nordafrika, einer war ein Schwarzer. Jedes Mal beschrieben Zeugen den Täter als einen schwarz gekleideten Mann, der auf einem Motorroller geflüchtet war.

Wegen des Anschlags unterbrachen die Parteien vorübergehend den Präsidentschaftswahlkampf. Präsident Nicolas Sarkozy reiste noch am Montag-Vormittag nach Toulouse. Sarkozy sagte, er unterbreche seinen Wahlkampf bis Mittwoch. An dem Tag werden die beiden getöteten Soldaten beerdigt. Auch sein sozialistischer Herausforderer François Hollande sagte alle Parteitermine ab und informierte sich am Nachmittag am Tatort.

Erstmals Plan «Vigipirate» ausgerufen

Sarkozy sprach von einer nationalen Tragödie. Als Reaktion verhängte er nach einer Sitzung des Sicherheitskabinetts im Élysée am Abend die höchste Terror-Alarmstufe für die Region. Alle jüdischen und muslimischen Einrichtungen werden nun besonders gesichert. Es ist das erste Mal, dass in Frankreich die höchste Alarmstufe des 1981 eingeführten Plans «Vigipirate» ausgerufen wurde, wie die Zeitung «Le Figaro» berichtet. Der Plan umfasst insgesamt vier Warnstufen. Die höchste Terrorwarnstufe greift im Fall der Gefahr durch große Terrorattacken. Zum Schutz der Bevölkerung kann dann unter anderem die zivile Luftfahrt gestoppt werden. Auch in New York wurden die Sicherheitsvorrichtungen für jüdische Einrichtungen erhöht.

Sarkozy hält den Täter für eine große Gefahr für die Bevölkerung. «Jedes Mal wenn dieser Mann in Aktion tritt, handelt er, um zu töten. Er lässt seinen Opfern keine Chance», betonte Frankreichs Präsident. Laut Sarkozy handelt es sich um denselben Täter, der in den Tagen zuvor zwei Anschläge auf Soldaten verübt hatte. Ein antisemitisches Motiv sei wahrscheinlich, der Mann sei gefährlich und müsse schnellstens gefasst werden. «Diese schreckliche Tat kann nicht ungesühnt bleiben. Alle, wirklich alle verfügbaren Mittel werden eingesetzt werden, um diesen Kriminellen daran zu hindern, weiter Schaden anzurichten.»

In der Region geht nun die Angst vor weiteren Anschlägen um. Der Bürgermeister von Toulouse, Pierre Cohen, verwies im TV- Nachrichtensender BFM auf die Kaltblütigkeit des Täters. «Wir sind extrem beunruhigt», sagte er.

Ermittlungen wegen Terrorismus

Vor Beginn des Unterrichts hatte der Täter am Montagmorgen vor der Ozar-Hatorah-Schule auf einen 30-jähriger Religionslehrer und seine beiden Kinder im Alter von drei und sechs Jahren geschossen, wie Staatsanwalt Michel Valet mitteilte. Das dritte Opfer war nach den Angaben zehn Jahre alt. Ein 17-Jähriger wurde schwer verletzt.

Mit derselben großkalibrigen Waffe waren schon am 11. und 15. März zwei Anschläge auf Soldaten in Toulouse und in Montauban verübt worden. Der Täter habe auch denselben, als gestohlen gemeldeten PS-starken Motorroller für seine Flucht genutzt. Völlig unklar sind dagegen die Hintergründe der Taten. Die Pariser Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Terrorismus.

Schweigeminute am Dienstag

Nach den Taten herrscht in Frankreich große Trauer. Sarkozy ordnete für diesen Dienstag eine Schweigeminute um 11.00 Uhr zum Gedenken an die getöteten Kinder in allen Schulen an: «Das sind nicht nur eure Kinder, das sind auch unsere Kinder», sagte der Staatschef an die Eltern gewandt.

Die Anschläge bringen das Thema Sicherheit im laufenden Präsidentenwahlkampf nach oben auf die Tagesordnung. Sarkozy hatte zuletzt rechtspopulistische Töne angeschlagen und vor zu vielen Ausländern im Land gewarnt.

(L'essentiel online/sda)

Schweigemarsch in Paris

Nach den tödlichen Schüssen in einer jüdischen Schule im südfranzösischen Toulouse haben tausende Menschen am Montagabend an einem Schweigemarsch in Paris teilgenommen. Sie versammelten sich am Place de la République und gingen zum Place de la Bastille.

Dies berichtete ein Reporter der Nachrichtenagentur AFP. Die überwiegend jungen Demonstranten trugen französische Fahnen und Schilder des Verbandes der jüdischen Studierenden in Frankreich (UEJF). An dem Marsch nahmen auch der Pariser Bürgermeister Bertrand Delanoë und der Philosoph Bernard Henri-Lévy teil. (sda)

Opfer sollen in Israel beigesetzt werden

Die vier Opfer sollen in Israel bestattet werden. Israel komme der Bitte der Angehörigen nach, und die Leichen würden so schnell wie möglich nach Israel geflogen, sagte ein Sprecher des israelischen Außenministeriums am Montag. Der bei dem Angriff getötete Rabbiner und seine zwei Söhne waren erst im vergangenen Jahr nach Frankreich gezogen. Bei dem vierten Opfer handelte es sich um die Tochter des Rektors des jüdischen Gymnasiums Ozar Hatorah. (ap)

Deine Meinung