Ukraine-Krieg: Deutschland hoffte laut Boris Johnson auf «schnelle ukrainische Niederlage»

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Ukraine-KriegDeutschland hoffte laut Boris Johnson auf «schnelle ukrainische Niederlage»

Der frühere britische Premier Boris Johnson hat sich in einem CNN-Interview kritisch über die Haltung europäischer Staaten vor Kriegsausbruch geäußert.

von
Dominik Fischer

In einem Interview gibt der frühere britische Premier Boris Johnson Einblicke in die Haltung Deutschlands, Frankreichs und Italiens vor Kriegsausbruch. 

CNN Portugal

Der frühere britische Premierminister Boris Johnson hat in einem Interview schwere Vorwürfe an europäische Regierungen gerichtet. So habe Frankreich die Aussicht auf eine russische Invasion in der Ukraine «bis zum letzten Moment» verleugnet. Der deutschen Regierung warf er gar vor, ursprünglich eine schnelle ukrainische militärische Niederlage einem langen Konflikt vorgezogen zu haben, wie CNN berichtet. Das Interview gab Boris Johnson gegenüber «CNN Portugal».

Inzwischen seien sich die EU-Staaten in ihrer geschlossenen Unterstützung der Ukraine zwar einig, doch vor Kriegsbeginn hätten die Staaten unterschiedliche Positionen eingenommen. «Diese Sache war ein riesiger Schock. Wir konnten sehen, wie sich die taktischen Gruppen der russischen Bataillone sammelten, aber die verschiedenen Länder hatten sehr unterschiedliche Perspektiven.»

Zur deutschen Regierung sagte er weiter: «Deutschland vertrat zu einem bestimmten Zeitpunkt die Ansicht, dass es besser wäre, die ganze Sache schnell zu beenden und die Ukraine aufzugeben, wenn es zu einer Katastrophe käme.» Dies sei aus wirtschaftlichen Gründen der Fall gewesen. Seit Kriegsbeginn hat Deutschland, wie auch zahlreiche andere europäische Länder, versucht, seine Abhängigkeit von russischem Gas zu verringern. Johnson kommentiert dazu: «Ich konnte das nicht unterstützen, ich hielt das für eine katastrophale Sichtweise. Aber ich kann verstehen, warum sie so dachten und fühlten.»

Ohne Selenskyj «wäre dieser Konflikt ganz anders verlaufen»

Auch für Italien hat Johnson keine positiven Worte übrig. Das Land sei zu Kriegsbeginn unter der Führung von Mario Draghi wegen der massiven Abhängigkeit von russischer Energie nicht bereit gewesen, die europäischen Positionen gegenüber Russland zu unterstützen. Tatsächlich waren zahlreiche Beobachter zu Kriegsbeginn davon ausgegangen, dass die Invasion nur wenige Tage oder Wochen dauern würde.

Seit Kriegsbeginn attestiert Johnson der EU jedoch, einen «brillanten» Job gemacht zu haben. «Nach all meinen Befürchtungen zolle ich der Art und Weise, wie die EU gehandelt hat, meinen Respekt. Sie waren sich einig. Die Sanktionen waren hart», fuhr Johnson fort. Über Wolodymyr Selenskyj sagt Johnson, er sei in seiner Führungsrolle «absolut hervorragend» und betont: «Er ist ein sehr tapferer Mann. Ich glaube, die Geschichte dieses Konflikts wäre ganz, ganz anders verlaufen, wenn er nicht dabei gewesen wäre.»

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Mario Draghi, Olaf Scholz und Emmanuel Macron in Kiew: Boris Johnson wirft den Premierministern vor, vor Kriegsausbruch «unterschiedliche Perspektiven» auf die Invasion gehabt zu haben.

Mario Draghi, Olaf Scholz und Emmanuel Macron in Kiew: Boris Johnson wirft den Premierministern vor, vor Kriegsausbruch «unterschiedliche Perspektiven» auf die Invasion gehabt zu haben.

REUTERS
Seit Kriegsbeginn attestiert Johnson der EU jedoch, einen «brillanten» Job gemacht zu haben.

Seit Kriegsbeginn attestiert Johnson der EU jedoch, einen «brillanten» Job gemacht zu haben.

IMAGO/ZUMA Wire
Über den ukrainischen Präsidenten Selenskyj sagt Johnson: «Er ist ein sehr tapferer Mann. Ich glaube, die Geschichte dieses Konflikts wäre ganz, ganz anders verlaufen, wenn er nicht dabei gewesen wäre.»

Über den ukrainischen Präsidenten Selenskyj sagt Johnson: «Er ist ein sehr tapferer Mann. Ich glaube, die Geschichte dieses Konflikts wäre ganz, ganz anders verlaufen, wenn er nicht dabei gewesen wäre.»

AFP

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