Hongkong – Die «bodenlose» Stadt soll ausgehöhlt werden

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HongkongDie «bodenlose» Stadt soll ausgehöhlt werden

In Hongkong bewegen sich Fußgänger meist über dem Boden: Ein dichtes Netz von Treppen und Brücken überspannt die Stadt. Nun will die Metropole im Untergrund wachsen.

Die Chinesen sind Weltmeister, wenn es um verdichtetes Bauen geht. Besonders eindrücklich zeigt sich das in der Sonderverwaltungszone Hongkong – einer der am dichtesten besiedelten Städte der Welt. Bereits heute sind die Menschenmaßen auf den Straßen atemberaubend und die städtebaulichen Maßnahmen, um sie zu bewältigen, beeindruckend. Die Stadtplaner wollen aber noch höher hinaus oder – vielleicht treffender – tiefer hinunter.

Dass auf einen Quadratkilometer rund 16'000 Einwohner kommen, äußert sich in Hongkong heute nicht nur in den zahllosen Wolkenkratzern, die auf engstem Raum in die Höhe ragen. Auch ein dichtes Netz von Bürgersteigen in luftiger Höhe hilft, die riesigen Menschenmassen am Stadtverkehr vorbeizuschleusen. Diese «Elevated Walkways» verbinden Hotels und Einkaufszentren, U-Bahn-Stationen und Poststellen, ohne dass die Benutzer jemals einen Fuß auf eine Straße setzen müssten. Als «bodenlose Stadt» wird Hongkong denn auch im Titel eines Buchs bezeichnet, das sich mit dem komplexen Netzwerk über der Metropole befasst.

Neuer Lebensraum

Die Autoren sind Architekten, die das Labyrinth auf dreidimensionalen Plänen zu erfassen versuchen und damit auch gleich eine These aufstellen: Das Buch sei ein Manifest für eine «neue Theorie über städtisches Bauen». Hongkong zeige, wie ein öffentlicher Raum abseits von Straßen und Plätzen bestehen könne, heißt es. Ein Spaziergang durch die Großstadt zeigt, dass es sich beim Netzwerk tatsächlich nicht nur um einfache Fußbrücken, sondern um einen echten Lebensraum handelt.

Ströme von Menschen bahnen sich um jede Tageszeit ihren Weg von A nach B. Besitzer von Geschäften, die ans Netz angeschlossen sind, nutzen die günstige Lage am Puls der Stadt. Und jeden Sonntag versammeln sich tausende Hausangestellte aus fremden Ländern, um auf den «Elevated Walkways» das wohl größte öffentliche Picknick der Welt zu veranstalten. Die Fußgänger sind so fast vollständig vom motorisierten Verkehr getrennt.

Die «Elevated Walkways» im Stadtviertel Central aus Sicht eines Amateurfilmers:

«Chance für die Zukunft»

Was in den meisten europäischen Debatten um verdichtetes Bauen wohl eine zu gewagte Option wäre, ist in Hongkong schon bald wieder ein alter Hut. Der neue Trend heißt nämlich: Untergrund-Architektur. Gänge in der Tiefe sollen künftig Engpässe auf den Straßen und dem überirdischen Fußgängernetz beseitigen, wie die Hongkonger Zeitung «The Standard» schreibt.

Die Idee ist dieselbe wie die der «Elevated Walkways»: Weil fast jedes Shopping-Center sowieso ein Untergeschoss hat, könnte man diese Läden gerade so gut mit einem Tunnelnetz verbinden – und dieses auch gleich ans U-Bahn-Netz anschließen. Ein weiteres gigantisches Netz von Wegen, Hallen und Gängen entstünde.

Das Ergebnis wäre weniger Lärmbelastung, ein ästhetischeres Stadtbild, ein geringeres Risiko für Verkehrsunfälle und nicht zuletzt auch eine tiefere Lärmbelastung. Der stetige Anstieg der Ladenmieten würde entschärft. Ladenbesitzer, die heute vor dem Aus stehen, erhielten neue Verkaufsflächen. Die Untergrund-Grenzen auszudehnen sei «nicht nur eine Gelegenheit, die Lebensqualität zu erhöhen, sondern auch eine Chance für die Zukunft», bilanziert der Journalist. Offenbar hat die Regierung bereits Studien in Auftrag gegeben, die die Machbarkeit eines solchen Untergrundnetzes bis Ende Jahr aufzeigen sollen.

Bei einer Realisierung des Untergrund-Labyrinths hätte auch die Bevölkerung noch ein Wörtchen mitzureden. Diese dürfte sich aber längst an das gigantische Wachstum der Stadt gewöhnt sein – ob gegen außen, innen, oben oder unten ist da wohl zweitrangig.

(L'essentiel Online/J. Büchi, Hongkong)

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