Indien – Die größte Wahl der Geschichte beginnt

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IndienDie größte Wahl der Geschichte beginnt

Ab heute wählt die größte Demokratie der Welt. Wie organisiert man eine Wahl für über 800 Millionen Inder? Und wie können auch Analphabeten abstimmen?

«Also für einen Europäer ist das so wie eine Europawahl, aber eine, die den russischen Block miteinbezieht. Und jetzt braucht man einen Kandidaten, der für Briten und Türken genauso akzeptabel wäre, mit all den kulturellen und auch religiösen Unterschieden. So in etwa ist das bei uns.» So fasst der populäre Shwomaster Hartosh Singh Bal die heute beginnenden Wahlen in Indien zusammen – die größten Wahlen in der Geschichte der Menschheit: Mehr als 800 Millionen Wahlberechtigte können ein neues Parlament und eine neue Regierung wählen.

Die indischen Wahlen sind einzigartig und eine Ansammlung von Extremen. Wie kann man die größte Wahl der Welt in drei Sätze fassen?

Die Rekordwahl im Überblick:

• Mit 1,2 Milliarden Einwohnern ist Indien das zweitbevölkerungsreichste Land und die größte Demokratie der Welt. Rund 815 Millionen Inder sind wahlberechtigt, 100 Millionen mehr als beim letzten Mal. Bereits vor einem Jahr wurden deshalb die Wahllisten auf Vordermann gebracht.

• Die logistische Herausforderung ist enorm: 930'000 Wahllokale müssen hergerichtet, 1,9 Millionen elektronische Wahlmaschinen transportiert und bewacht werden. Etwa 11 Millionen Menschen sind als Sicherheitspersonal und Wahlhelfer an diesem Unterfangen beteiligt. «Das ist wahrscheinlich die größte logistische Übung in der Geschichte der Menschheit», kommentiert der ehemalige Wahlkommissionsleiter SY Quraishi.

• Die Wahlen in Indien finden in neun Phasen zwischen dem 7. April und dem 12. Mai statt. Strenge Sicherheitsvorkehrungen machen diese lange Wahlperiode nötig: In allen Bundesstaaten verlangen Politiker, dass die Wahlmaschinen und -lokale von unabhängigen Sicherheitskräften der Zentralregierung bewacht werden – nicht von lokalen Polizisten, die vielleicht Verbindungen zu einer der Parteien vor Ort haben. Obwohl etwa zwei Millionen Sicherheitskräfte im Einsatz stehen, müssen die Wahlen in mehreren Stufen stattfinden, damit jeweils genügend Personal verfügbar ist.

• In Indien leben mehr als 250 Millionen Analphabeten, wie ein Unesco-Report kürzlich zeigte. Damit auch sie an den Wahlen teilnehmen können, benutzen alle Parteien in Indien einschlägige Symbole: die regierende Kongresspartei etwa eine ausgestreckte Hand, die Hindu-nationalistische Oppositionspartei Indische Volkspartei (BJP) eine Lotusblume. Diese Symbole sind dann neben dem Namen des Kandidaten abgebildet. Elektronische Wahlmaschinen sollen es Analphabeten ebenfalls einfacher machen, zu wählen: «Für jemanden, der nicht mal seinen Namen schreiben kann, ist es wesentlich einfacher, einen Knopf zu drücken als ein Formular auszufüllen», erklärt Experte Quraishi.

• Mit indischen Wahlmaschinen können Wähler per Knopfdruck auch für keinen der genannten Kandidaten stimmen und so zum aktiven Protestwähler werden. Das dient ihrem eigenen Schutz: Lokalpolitiker überwachen oft streng, wer im Dorf wählen geht und wer nicht – und drangsalieren möglicherweise die Nichtwähler.

(L'essentiel/F.Roscher, Neu-Delhi)

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