Jan Böhmermann – «Die Kanzlerin hat mich filetiert»

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Jan Böhmermann«Die Kanzlerin hat mich filetiert»

Er hat lange geschwiegen. Nun meldet sich Jan Böhmermann nach dem Eklat um sein Erdogan-Gedicht erstmals in einem Interview zu Wort – und kritisiert Angela Merkel scharf.

«Die Bundeskanzlerin darf nicht wackeln, wenn es um Freiheit und Menschenrechte geht», findet Jan Böhmermann im Gespräch mit der Wochenzeitung «Die Zeit», das in der kommenden Ausgabe veröffentlicht wird. «Doch stattdessen hat sie mich filetiert, einem nervenkranken Despoten zum Tee serviert und einen deutschen Ai Weiwei aus mir gemacht», so der Satiriker weiter.

Böhmermann meint den chinesischen Künstler, der wegen regimekritischer Werke in seiner Heimat ins Gefängnis musste.

Merkel hat sich «blamiert»

Weiter gibt der 35-Jährige zu Protokoll, er fühle sich in seinem Glauben erschüttert, «dass jeder Mensch in Deutschland ein unverhandelbares, unveräußerliches Recht auf gewisse Grundrechte hat: die Freiheit der Kunst und die Freiheit der Meinungsäußerung».

Am meisten hat sich Böhmermann aber laut eigenen Angaben darüber amüsiert, «dass die Chefin des Landes der Dichter und Denker offenbar nicht einen Moment über das Witzgedicht und besonders seine Einbindung nachgedacht hat, bevor sie sich mit ihrem öffentlichen Urteil blamiert hat».

Zuschauern Demokratie erklären wollen

In seiner ZDF-Sendung «Neo Magazin Royale» hatte der Moderator am 31. März ein Gedicht vorgelesen, in dem er den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan schwer beschimpfte. Das türkische Staatsoberhaupt verlangte danach eine Bestrafung Böhmermanns laut Paragraf 103 des deutschen Strafgesetzbuchs – dieser beschäftigt sich mit der Beleidigung von Vertretern ausländischer Staaten. Angela Merkel gab ihre Zustimmung, gegen den Komiker zu ermitteln.

Böhmermann seinerseits erklärt der Zeit, er habe versucht, seinen Zuschauern «anhand einer knapp vierminütigen satirischen Nummer zu erklären, was eine freiheitliche und offene Demokratie von einer autoritären, repressiven De-facto-Autokratie unterscheidet, die sich nicht um Kunst- und Meinungsfreiheit schert».

«Eine wahnsinnig gute Nummer»

Seinen Auftritt bereut Böhmermann nicht. Das Einzige, das er seinen Freunden und seiner Familie in den vergangenen Wochen stets gesagt habe, sei: «Das war eine wahnsinnig gute Nummer – bloß schade, dass sie von mir war.»

Das «Neo Magazin Royale» macht wegen der Affäre momentan eine Pause und soll am Donnerstag, 12. Mai, zum nächsten Mal ausgestrahlt werden.

(L'essentiel/scy)

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