Luxemburg: «Die Lebenshaltungskosten steigen schneller als die Löhne»

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Luxemburg«Die Lebenshaltungskosten steigen schneller als die Löhne»

LUXEMBURG – Einer von vier Einwohnern kommt nach Statec-Zahlen mit seinem Einkommen nicht über die Runden. Ein Bild, das sich in den Sozialläden bestätigt.

von
Séverine Goffin
In den Sozialläden gibt es die Produkte bis zu 70 Prozent günstiger.

In den Sozialläden gibt es die Produkte bis zu 70 Prozent günstiger.

Archiv Editpress

«Um manchmal in Urlaub fahren zu können, habe ich mir einen Mitbewohner gesucht. Aber auch wenn ich meine Privatsphäre dafür opfere, kann ich keine verrückten Sachen machen, wenn ich den Monat überstehen will», erzählt uns Vincent von seiner Situation. «Die Lebenshaltungskosten steigen schneller als die Löhne». Eigentlich hätte er sich gerne einmal eine kleine Einzimmerwohnung gekauft, «aber bei den Immobilienpreisen und den Bankgarantien war das nicht möglich».

Vincent geht zum Sozialladen in Diekirch, wo er zu Preisen einkaufen kann, die bis zu 70 Prozent günstiger sind als im Supermarkt. Einige Grundnahrungsmittel gibt es kostenlos. Laut Statec hatte 2021 jeder vierte Einwohner Schwierigkeiten, bis zum Monatsende über die Runden zu kommen. Eine Zahl, die vor Ort nicht überrascht.

Neue Kunden in den Sozialläden

Irène Jamsek, die bei der Caritas Luxemburg für die Sozialläden zuständig ist, erklärt: «Einige unserer Empfänger sind Langzeitbezieher, zum Beispiel Rentner mit einer kleinen Rente. Andere haben gut verdient und wurden dann mit einer Krankheit oder einer Scheidung konfrontiert. Selbst bei einer Vollzeitbeschäftigung kann ein alleinerziehender Elternteil in eine prekäre Situation geraten». Ihr Kollege Giuseppe Tricario stimmt zu: «Manchmal sehen wir gut gekleidete Menschen, die bis zur letzten Minute gewartet haben, um bei uns durch die Tür zu gehen, weil sie es nicht gewohnt sind.»

Raoul Schaaf, Direktor des Comité National de Défense Sociale ASBL und Vorstandsvorsitzender des EAPN Lëtzebuerg, das luxemburgische Netzwerk zur Bekämpfung der Armut, dem rund 15 Vereine angehören, sieht in den Statec-Daten eine Bestätigung dessen, was er bei seiner Arbeit mit Menschen in prekären Verhältnissen erlebe. «Man sieht Familien, die man vorher nicht gesehen hat. Menschen mit Einkommen, manchmal sogar Haushalte, in denen zwei Personen Vollzeit arbeiten, aber zum Mindestlohn. Mit der Miete und den Energiepreisen rutschen sie in die Prekarität ab. Das Phänomen der Erwerbsarmut ist heute sichtbarer», sagt er.

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