Wunder oder Fehldiagnose? – Die Nonne, die den Papst selig machte
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Wunder oder Fehldiagnose?Die Nonne, die den Papst selig machte

Am 1. Mai wird der 2005 verstorbene Papst Johannes Paul II. seliggesprochen. Grundlage dafür ist ein umstrittenes Wunder.

Litt an der Parkinson-Krankheit: Papst Johannes Paul II. bei einer Generalaudienz auf dem Petersplatz im Oktober 2003.

Litt an der Parkinson-Krankheit: Papst Johannes Paul II. bei einer Generalaudienz auf dem Petersplatz im Oktober 2003.

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Karol Wojtyla, der erste Pole auf dem Heiligen Stuhl, stand der katholischen Kirche als Johannes Paul II. über ein Vierteljahrhundert lang vor. Der langlebige Pontifex verfolgte konsequent eine reaktionäre Personalpolitik und zementierte so den konservativen Charakter der römischen Kurie. Vor allem aber nahm er in seiner rekordverdächtig langen Amtszeit nicht weniger als 1338 Selig- und 482 Heiligsprechungen vor – rund doppelt so viele wie seine Vorgänger in den letzten 400 Jahren zusammen.

Kein Wunder also, dass dieser Power-Papst nun selber selig- und dann heiliggesprochen werden soll. Schon bei seiner Beisetzung im April 2005 hatten Gläubige auf dem Petersplatz mit «Santo-subito»-Rufen die sofortige Heiligsprechung des dahingeschiedenen Kirchenoberhaupts verlangt. Nur einen Monat später leitete sein Nachfolger Benedikt XVI. - Joseph Ratzinger - den Seligsprechungs-Prozess ein. Der neue Papst setzte dafür sogar eigens die kirchenrechtliche Regel außer Kraft, dass zwischen Ableben und Verfahrensbeginn eine Frist von fünf Jahren einzuhalten ist.

Wunder schnell gefunden

Damit Johannes Paul II. selig gesprochen werden kann, muss der Nachweis erbracht werden, dass er – nach seinem Tod, wohlverstanden – ein Wunder vollbracht hat. Dieses Wunder fand sich erstaunlich schnell: Genau zwei Monate nach dem Ableben des Papstes erfuhr die französische Nonne Schwester Marie Simon-Pierre Normand eine wundersame Heilung. Die heute 50-jährige Ordensschwester aus der Kongregation der Kleinen Schwestern der Katholischen Entbindungsstationen (Petites Sœurs des Maternités Catholiques) in Puyricard bei Aix-en-Provence hatte an einer Schüttellähmung des linken Arms und des linken Beins gelitten, die 2001 als Parkinson-Erkrankung diagnostiziert wurde. Wundersame Fügung: Schwester Marie litt just an der Krankheit, die auch der Pontifex tapfer ertrug – und das auf der selben Körperseite.

Nach dem Tod des Papstes («ich hatte einen Freund verloren, jenen, der mich verstand und der mir die Kraft gab weiterzumachen», schrieb sie laut dem «Figaro» in einem Brief an den Vatikan) verschlimmerte sich der Zustand der Nonne zunächst erheblich: «Die Krankheit richtete mich von Woche zu Woche immer mehr zugrunde.» Am Ende konnte die Linkshänderin nicht einmal mehr schreiben. Nachdem Benedikt XVI. Mitte Mai das Verfahren zur Seligsprechung eröffnet hatte, baten ihre Mitschwestern den verstorbenen Johannes Paul II. im Gebet um Heilung der darbenden Nonne. Mit Erfolg – am Abend des 2. Juni 2005 war es Schwester Marie, «als sagte eine innere Stimme: ‹Nimm den Stift und schreib!›» Und siehe da: Die Schrift war leserlich; die Nonne geheilt.

Parkinson nicht heilbar

Der Neurologe, der Schwester Marie seit Jahren behandelt und die Diagnose gestellt hatte, bestätigte die vollständige Heilung. Nachdem 2009 zunächst noch Zweifel an der wundersamen Genesung laut geworden waren, wertete die vatikanische Medizinerkommission die spontane Genesung der Ordensschwester schließlich als Wunderheilung – was wiederum kaum als Wunder betrachtet werden kann. Danach war es nur noch eine Formalität, dass die zuständige vatikanische «Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse» die Wunderheilung im Januar 2011 offiziell anerkannte.

Nicht so leicht überzeugen lässt sich hingegen der französische Neurologe Stéphane Thobois, der sich mit der Heilung der Nonne befasst hat, sich «aus Respekt für die Patientin» aber nicht zum konkreten Fall äußern will. «Mir ist aus der Geschichte der Medizin kein Fall von einer Heilung der Parkinson-Krankheit bekannt», sagte der Arzt der Universitätsklinik Lyon der Tageszeitung «Le Parisien» im Januar dieses Jahres. Immerhin zerstöre diese unheilbare Krankheit Teile des Gehirns auf irreversible Weise.

Fehldiagnose?

Es gebe jedoch andere Krankeiten, die ähnliche Symptome nach sich zögen; und darunter auch solche, die keine irreparable Schädigung von Neuronen bewirkten. Die einzige plausible Erklärung sei, dass es sich um eine Fehldiagnose handle. Heilung sei nur dann möglich, wenn der Patient an einem Syndrom leide, das durch Medikamente (Neuroleptika) oder ein psychologisches Problem ausgelöst worden sei, so Thobois.

Der Vatikan wird sich von solchen skeptischen Stimmen kaum beirren lassen – im spezifischen Fall des populären polnischen Papstes wohl noch weniger als sonst. Allerdings hat die Euphorie, die unmittelbar nach dem Tod des beliebten Pontifex um sich griff, in letzter Zeit wieder etwas abgenommen. Schuld daran sind unter anderem die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche.

Papst muss von Missbrauch gewusst haben

Papstkritiker wie der dissidente Theologe Hans Küng bezweifeln offen, dass Johannes Paul II. von diesen Verfehlungen nichts wusste. Zudem soll der Papst die Sexualverbrechen seines Schützlings Pater Marcial Maciel Degollado, des Gründers der «Legionäre Christi», stillschweigend geduldet haben.

Sollte es am Ende möglich sein, dass die Beatifizierung von Johannes Paul II. noch an mangelnder Tugendhaftigkeit scheitert – die neben dem erforderlichen Wunder ebenfalls unabdingbare Voraussetzung für die Seligsprechung ist? Das wäre wohl ein echtes Wunder.

Daniel Huber/L'essentiel Online

Großherzog reist nach Rom

Um bei der Seligsprechung von Johannes Paul II. dabei zu sein, reist der Luxemburger Großherzog Henri zum 1. Mai nach Rom.

Selig- und Heiligsprechung

Selige und Heilige werden in der katholischen Kirche als Vorbilder christlichen Lebens verehrt und sollen über jeden Zweifel erhaben sein. Die Heiligsprechung ist laut Vatikan «die höchste Verherrlichung eines Dieners Gottes seitens der Kirche». Die Seligsprechung ist eine Vorstufe dazu: Während Heilige in der gesamten Kirche verehrt werden, wird Seligen ein regional begrenzter Kult zugewiesen.

Ein kompliziertes Verfahren

Das Seligsprechungsverfahren ist vielschichtig und meist langwierig. Eingeleitet wird es auf Antrag einer Diözese oder einer Ordensgemeinschaft. In dem Verfahren wird zunächst auf Ebene des jeweiligen Bistums insbesondere die Lebensführung des Verstorbenen («Ruf der Heiligkeit») geprüft, unter anderem durch Zeugenbefragungen und die Sichtung von Dokumenten. Danach erhält er den Titel «Diener Gottes».

Mit dem Abschluss der diözesanen Untersuchung gehen die Dokumente und Akten an die Kongregation für Selig- und Heiligsprechungsprozesse im Vatikan. Es folgt die Prüfung durch spezialisierte Theologen. Wenn eine Mehrzahl von ihnen keine Einwände hat, stimmen die Kardinäle und Bischöfe der Kongregation ab. Fällt ihre Stellungnahme positiv aus, präsentiert der Präfekt der Kongregation die Ergebnisse dem Papst, der das Urteil abschließend bestätigt. Damit wird der «heroische Tugendgrad» des künftigen Seligen anerkannt

Außer bei Märtyrern gilt es darüber hinaus aber noch, in einem getrennten Verfahren ein Wunder auf die Fürsprache des Verstorbenen («Ruf der Wundertätigkeit») zu belegen - eine medizinisch nicht zu erklärende Heilung eines Kranken. Dieses Verfahren durchläuft ähnlich wie bei der Anerkennung des «heroischen Tugendgrads» mehrere Instanzen bis hin zum Papst. Für eine Heiligsprechung ist dann ein weiteres Wunder nötig, das sich nach der Seligsprechung ereignet hat. Die Prüfung erfolgt durch einen Kreis medizinischer Fachleute.

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