Not in Tripolis – «Die Patienten liegen am Boden oder auf Tischen»

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Not in Tripolis«Die Patienten liegen am Boden oder auf Tischen»

Während sich die Situation in Sawija entspannt, herrscht in den Spitälern in Tripolis Chaos. Médecins sans Frontières warnt vor einer Katastrophe.

Ein verwundeter Kämpfer wird in einem umfunktionierten Gebäude in Tripolis am Boden behandelt.

Ein verwundeter Kämpfer wird in einem umfunktionierten Gebäude in Tripolis am Boden behandelt.

Die Kämpfe zwischen Rebellen und Gaddafi-treuen Truppen in Tripolis dauern am Donnerstag weiter an. Die medizinische Situation in der libyschen Hauptstadt spitzt sich langsam zu. Die Spitäler sind völlig überfüllt. Mehr als 2000 Personen wurden während den Kämpfen der letzten Tage verletzt – mindesten 435 kamen ums Leben. Médecins sans Frontières (MSF) ist mit einem Dreierteam und medizinischem Material in die Stadt gereist und beginnt jene Abteilungen zu unterstützen, die mit Verwundeten überflutet werden.

Laut MSF-Einsatzleiter Jonathan Whittall waren die Spitäler bereits vor dem Einmarsch der Rebellen in Tripolis am Rande ihrer Kapazitäten. Dies weil ein grosser Teil des ausländischen Personals aus Libyen geflohen sei und medizinisches Material wegen der Sanktionen knapp wurde. «Die Spitäler konnten schon die Verletzten von der Frontlinie ausserhalb Tripolis kaum versorgen», sagt Whittall.

«Die Patienten versorgen sich gegenseitig»

Mit den extremen Kampfhandlungen der letzten Tage in Tripolis wissen die Spitäler nicht mehr, wie sie die Flut an Verwundeten behandeln sollen. «Es fehlt an allen Enden: Platz, Personal und Material», sagt Whittall. Die Szenen in den Spitälern seien chaotisch. Die Räume seien voll mit Schusswunden-Patienten. Zum Teil seien die Gebäude nebenan zu Bettenzimmern umfunktioniert worden. «Die Patienten liegen am Boden oder auf Tischen und müssen sich selbst versorgen, weil es viel zu wenig Krankenschwestern gibt», erzählt Whittall.

Das Internationale Rote Kreuz in Benghazi konnte mit dem Direktor des Zentralspitals in Tripolis sprechen. Dieser ruft über die internationalen Medien alle Mitarbeiter auf, trotz der gefährlichen Lage in die Spitäler zurückzukehren. Auch die Rebellen rufen die Bevölkerung zur Hilfe auf. Es brauche Blutspenden, Essen und Trinkwasser für die Verletzten. Ausserdem sollen alle medizinisch ausgebildeten Personen in die Spitäler helfen gehen. «Es ist eine richtige Katastrophe hier», sagt einer ihrer Sprecher.

Treibstoff wird knapp

Nicht nur medizinisches Material und Personal sind knapp. Auch die Energieversorgung wird zunehmend zum Problem. Die Ambulanzen können kaum mehr fahren, weil es kein Benzin mehr gibt und das Stromnetz ist völlig unzuverlässig. «Die Spitalgeneratoren sind darum in den letzten Tagen fast immer gelaufen und haben bald keinen Treibstoff mehr», sagt Rosa Crestani von MSF.

Derweil verkündet die EU, sie habe mehrere Lager im Land gefüllt, um die libysche Hauptstadt mit Nachschub zu versorgen. «Zusammen mit unseren humanitären Partnern sind wir bereit, die Waren schnell nach Tripolis zu bringen», sagt Kristalina Georgieva von der europäischen Kommission für Internationale Zusammenarbeit, Humanitäre Hilfe und Krisenbewältigung. Wann das sein wird, ist aber bis jetzt unklar.

Crestani von MSF hofft, dass schon bald grünes Licht gegeben werden kann. «Wenn das hier noch Wochen andauert, wird es zu einer richtigen Katastrophe», warnt sie.

(L'essentiel online)

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