Was wäre wenn? – Die Szenarien für Athens Euro-Aus

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Was wäre wenn?Die Szenarien für Athens Euro-Aus

Deutschland will gewappnet sein und zieht Griechenlands Austritt aus dem Euro in Erwägung. Experten spielen drei Szenarien durch, darunter ein rabenschwarzes.

Griechenlands Austritt aus der Euro-Zone: «Halb so schlimm» oder langjährige Abwärtsspirale? (Bild: Keystone)

Griechenlands Austritt aus der Euro-Zone: «Halb so schlimm» oder langjährige Abwärtsspirale? (Bild: Keystone)

Lange Zeit hat man sich in Deutschland nicht getraut, das heiße Thema anzuschneiden: Griechenlands Austritt aus der Währungsunion. Inzwischen rechnet die Bundesregierung aber selbst das Undenkbare durch. Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr Finanzminister Wolfgang Schäuble wollen gerüstet sein. Auch für den schlimmsten Fall. «Das wäre ja eine grauslige Regierung, wenn sie nicht auch darüber nachdenken würde, was sie macht, wenn es schiefgeht», sagte Schäuble am Wochenende.

Berichte, dass sich Deutschland auf einen Austritt Griechenlands aus der Währungsunion einstellte, wollte der Finanzminister nicht kommentieren. Aus Rücksicht auf Konsequenzen an den Finanzmärkten könne er nicht darüber sprechen. Klar ist: Obwohl Griechenland die Regierungskrise mittlerweile überwunden hat und den Sparwillen betont, scheint die Regierung Merkel dem Frieden nicht zu trauen.

Wie der «Spiegel» in seiner neusten Ausgabe schreibt, bereitet sich die Bundesregierung darauf vor, dass die neue Regierung in Athen die vereinbarten Sparprogramme nicht weiterführt. Vor wenigen Tagen hatten zudem Gerüchte die Runde gemacht, wonach Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicoals Sarkozy eine Verkleinerung der Eurozone anstrebten.

«Alles halb so schlimm?»

In einem sogenannten Basis-Szenario gehen die Experten des deutschen Finanzministeriums davon aus, dass es nach einem Austritt Griechenlands aus der Währungsunion nur halb so schlimm kommt. Nach anfänglichen Turbulenzen könnte die Euro-Zone ohne ihr schwächstes Mitglied sogar stärker werden. Zwar hätten Randstaaten wie Spanien und Italien auch weiterhin zu kämpfen. Unbelastet von der Griechenlandkrise könnten sie ihre Probleme aber besser lösen.

Für Ökonomin Ursina Kubli von der Bank Sarasin ist dieses Szenario wenig wahrscheinlich: «Ein Austritt Griechenlands aus der Währungsunion wäre frühestens in zwei Jahren kontrollierbar durchzuführen.» Erst dann dürften Spanien und Italien stabil genug sein, um nicht in den griechischen Abwärtsstrudel gezogen zu werden.

Langjähriger Teufelskreis

Im Worst-Case-Szenario entwickeln sich die Dinge weniger günstig: Die Experten aus Deutschland gehen davon aus, dass nach Athens Euro-Aus Spanien und Italien ins Visier der Finanzmärkte geraten und sich nicht mehr selbst refinanzieren können. Die Folge: Der Europäische Rettungsfonds (EFSF) wäre gezwungen, die Staaten mit neuem Geld zu versorgen. Damit das aber gelingen kann, bräuchte der ESFS Mittel von einer Billion Euro.

Im dritten Fall beschreiben die Experten ein Worst-Worst-Case-Szenario. Danach würde die neue griechische Währung nach einem Austritt aus der Eurozone massiv abwerten. Zwar würden Griechenlands Exporte damit billiger, die negativen Effekte dürften aber überwiegen. Beispielsweise wären die griechischen Banken vom internationalen Kapitalmarkt abgeschnitten. Zudem wird davon ausgegangen, dass der griechische Staat Verbindlichkeiten in Euro behalten – und die Verschuldung trotz Schuldenschnitts steigen würde. Auch die griechischen Unternehmen dürften ihre Schulden in Euro behalten – was für viele im Konkurs enden könnte. Tausende Angestellte verlören ihren Job, der Konsum würde einbrechen und die Rezession sich noch verschärfen. Während Jahrzehnten könnte sich Athen nicht aus der Abwärtsspirale befreien.

Das rabenschwarze Szenario sei aber nicht das wahrscheinlichste, hieß es aus Regierungskreisen. Dieser Meinung ist auch Sarasin-Ökonomin Ursina Kubli. «Wir gehen davon aus, dass das Schlimmste in der Eurokrise vorbei ist.» Dank den neuen Regierungen in Italien und Griechenland bestehe die berechtigte Hoffnung, dass die Sparziele umgesetzt würden und die Europäische Zentralbank auf stabile Partner zählen könne.

Griechenland soll bleiben

«Wir wollen, dass Griechenland in der Eurozone bleibt», betonte der deutsche Finanzminister Schäuble am Wochenende. Und diese Behauptung dürfte der Politiker trotz der Planspiele ernst meinen. «Der Austritt Griechenlands aus der Währungsunion wäre derzeit unkontrollierbar und nicht im Sinne der Bundesrepublik», so Ursina Kubli. Zudem fehlt die Legitimation, dass die Eurozone ein Land ausschließen kann.

Ein Austritt könnte zwar einseitig durch Griechenland erfolgen, doch dieser dürfte sich für Athen nicht lohnen. Die Schulden wären zwar zu einem großen Teil weg, das jährliche Defizit aber weiterhin vorhanden. «Verbleibt Griechenland in der Eurozone, hat das Land ein Jahrzehnt Zeit, um den Haushalt in den Griff zu bekommen», erklärt Ökonomin Kubli. Würde Athen hingegen austreten, müsste das Land sofort höchst unpopuläre Entscheide treffen.

L'essentiel Online/Sandro Spaeth

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