Afghanistan-Krieg – Die USA blasen zum Rückzug

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Afghanistan-KriegDie USA blasen zum Rückzug

Barack Obama will sein Versprechen einhalten, im Juli mit dem Abzug aus Afghanistan zu beginnen. Bis Ende Jahr könnten rund 10 000 US-Soldaten heimkehren.

US-Soldaten bei einem Artilleriegefecht in der Provinz Kandahar. (Bild: Reuters/baz Ratner)

US-Soldaten bei einem Artilleriegefecht in der Provinz Kandahar. (Bild: Reuters/baz Ratner)

Seit fast zehn Jahren führen die USA und ihre Verbündeten in Afghanistan Krieg gegen die radikalislamischen Taliban. Mehr als 2500 Soldaten sind ums Leben gekommen, dazu Tausende afghanische Soldaten, Aufständische und Zivilisten. Ein Sieg ist weit und breit nicht in Sicht, trotz der von Präsident Barack Obama im Dezember 2009 angeordneten Truppenaufstockung um 30 000 auf derzeit rund 100 000 US-Soldaten.

Gleichzeitig kündigte Obama an, im Juli 2011 mit dem Abzug der US-Truppen zu beginnen. Dieses Versprechen will der Präsident nun einhalten, denn das amerikanische Volk ist längst kriegsmüde. Laut einer CNN-Umfrage von Anfang Juni sind fast drei Viertel der Amerikaner für einen teilweisen oder vollständigen Rückzug vom Hindukusch. Seit der Tötung von Al-Kaida-Chef Osama Bin Laden Anfang Mai hat sich dieser Anteil um zehn Prozent erhöht.

Verschiedene Zahlen im Umlauf

Der Krieg in Afghanistan verschlingt jährlich mehr als 100 Milliarden Dollar – Geld, das nach Ansicht der meisten Amerikaner in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung besser im eigenen Land investiert würde. In einer Ansprache am Mittwoch will Obama den Abzug offiziell ankündigen. Über das Ausmaß wird in den US-Medien heftig spekuliert.

Das Verteidigungsministerium will bis Ende Jahr höchstens 5 000 Soldaten zurückholen. Im Weißen Haus kursiert laut «New York Times» dagegen ein «aggressiver Plan», wonach die 30 000 zusätzlichen US-Soldaten innerhalb von zwölf Monaten heimkehren sollen. Die «Los Angeles Times» schreibt mit Berufung auf Regierungsbeamte, Obama wolle bis Ende Jahr 10 000 Soldaten abziehen und weitere 20 000 bis Ende 2012 oder Anfang 2013.

Pentagon warnt vor schnellem Abzug

Offiziell ist keine Entscheidung gefallen, der Präsident müsse sich noch «endgültig festlegen», sagte sein Pressesprecher Jay Carney am Montag. Ein Beamter behauptete gegenüber der «New York Times», es sei «sehr wahrscheinlich», dass Obama keine fixe Zahl nennen werde. Dennoch scheint ein «Mittelweg» mit 10 000 Soldaten bis Ende Jahr realistisch, denn Obama hat bereits erklärt, der Abzug werde «bedeutend» ausfallen.

Das Pentagon und General David Petraeus, der Noch-Oberkommandierende in Afghanistan und künftige CIA-Direktor, hatten vor einem zu schnellen Abzug gewarnt, vor allem wenn die anderen Mitglieder der Koalition, die derzeit rund 40 000 Soldaten in Afghanistan stationiert haben, ebenfalls mehr Truppen abziehen als erwartet. Der wachsende innenpolitische Druck zwinge Obama jedoch zu einer deutlicheren Reduktion, so die «Los Angeles Times».

Direkte Gespräche mit Taliban

Selbst bei einem Abzug von 30 000 Soldaten bis Ende 2012 werden noch rund 70 000 US-Armeeangehörige in Afghanistan bleiben. Endziel bleibt der am Nato-Gipfel in Lissabon im November 2010 verkündete Beschluss, wonach die Afghanische Nationalarmee bis 2014 die vollständige Verantwortung für die Sicherheit übernehmen soll. Am Wochenende wurde zudem bekannt, dass die USA direkte Friedensgespräche mit den Taliban führen – ein faktisches Eingeständnis, dass der Afghanistan-Krieg militärisch nicht zu gewinnen ist.

L'essentiel Online/Peter Bluschi

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