Kleine Sklaven – Diese Bilder haben Amerika für immer verändert

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Kleine SklavenDiese Bilder haben Amerika für immer verändert

Geschundene Körper, kaputte Seelen: Jahrelang reiste Lewis Wickes Hine durch die USA, um mit schonungslosen Fotos von Kinderarbeitern aufzurütteln und dem Ausbeuten der Kleinsten ein Ende zu setzen.

Lewis Wickes Hine war Fotograf, doch Anfang des 20. Jahrhunderts gab er sich häufig als jemand anders aus. Mal trat er als Versicherungsagent auf, mal als fliegender Postkartenhändler. In den frommen US-Bundesstaaten behauptete er auch schon mal, Bibelverkäufer zu sein.

Nur so konnte er an jene herankommen, die er porträtieren wollte: ausgebeutete Kinder, die in den Fabriken und Minen des Landes schuften mussten und dabei auch schon mal den Verlust von Körperteilen riskierten. Denn so etwas wie Arbeitsschutz gab es für sie nicht.

Unbarmherzigkeit wurde als Wohltat verkauft

Zwar war Kinderarbeit schon im 19. Jahrhundert in einigen US-Bundesstaaten verboten oder zumindest nur eingeschränkt erlaubt. Doch diese Regelungen wurden kaum kontrolliert und eingehalten; zudem erlaubten sie etliche Ausnahmen. Und so gab es im Jahr 1900 in den USA noch rund 1,7 Millionen solch minderjähriger Arbeiter. Viele von ihnen waren kaum älter als sechs Jahre alt.

Mit der Industriellen Revolution war der Bedarf an Arbeitskräften an vielen Orten explodiert, nicht nur in den USA. Um ihn zu decken, wurden kurzerhand Kinder eingesetzt.

Die Unternehmer verkauften ihr unbarmherziges Vorgehen nicht selten als Wohltat für verarmte Familien. Und von diesen gab es damals viele, denn auch Erwachsene wurden so schlecht bezahlt, dass alle Angehörigen mitarbeiten mussten. Auch wenn ihre Knochenarbeit nur mit ein paar Cents entlohnt wurde.

«Man beachte den Zustand ihrer Schuhe»

Um der Ausbeutung der ganz Kleinen ein für alle Mal ein Ende setzen zu können, reiste Hine zwischen 1908 und 1918 im Auftrag des National Child Labor Committee (NCLC), der ersten Lobbyorganisation gegen Kinderarbeit, über 75’000 Kilometer quer durch die USA. Die Kinder fotografierte er an ihrem Arbeitsort – auf dem Feld, in der Fabrik, im Nähatelier, unter Tage oder auf der Straße.

Rund 5000 Porträts entstanden während dieser Zeit, von denen keines den Betrachter kaltlässt. Zu groß ist die Diskrepanz zwischen den kindlichen Körpern und den geschafften, oft erschreckend erwachsenen Gesichtern inmitten von Szenen der harten Arbeitswelt (siehe Bildstrecke).

Verstärkt wird die Wirkung der ausdrucksstarken Fotografien durch die betont knappen Sätze, die Hine zu den Aufnahmen notierte, wie «Sprach kein Wort Englisch», «Fiel in eine Spinnmaschine, dabei wurden zwei Finger zerquetscht» oder «Beachte den Zustand ihrer Schuhe»

Kleinkinder mit Körben doppelt so groß wie sie selbst

Nur weil Hine wie ein Spion vorgab, jemand anderes zu sein, gelang es ihm, das wahre Ausmaß der Kinderarbeit abzubilden. Hätte er sich als Fotograf zu erkennen geben, wäre ihm der Zutritt verwehrt worden. Wurde er von den Unternehmern erwischt, wurde er entweder vertrieben, oder man versuchte, ihn mit Unwahrheiten abzuspeisen.

Doch Hine hielt durch. Er fotografierte Mädchen, die zwölf Stunden an Webstühlen saßen, Kleinkinder, die Körbe trugen, die doppelt so schwer waren wie sie selbst, und Jungen, die über einem Förderband mit Kohlen balancierten, um jene Blöcke zu lösen, die sich verkeilt hatten.

Später Erfolg

Mit der schonungslosen Darstellung der Wirklichkeit trug er dazu bei, dass die Menschen erkannten, wie schlimm Kinderarbeit tatsächlich war. Doch obwohl sich die Öffentlichkeit empörte, änderte sich zunächst nichts. Zwar wurde 1916 der Ankauf von Waren verboten, die mithilfe von Kinderarbeit hergestellt worden waren. Aber die Regelung wurde später als verfassungswidrig eingestuft und aufgehoben.

Erst 1938 – 20 Jahre nachdem Hine die letzten Aufnahmen für die NCLC geschossen hatte – wurde mit dem «Fair Labor Standard Act» ein Arbeitsverbot für unter 16-Jährige erlassen.

(L'essentiel/Fee Anabelle Riebeling)

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