Kriminalität – Diese Clans wollen ein eigenes Deutschland

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KriminalitätDiese Clans wollen ein eigenes Deutschland

In Deutschland gibt es eine Parallelgesellschaft, in der kriminelle Großfamilien herrschen. Nun gehen erste Städte gezielt gegen das Problem vor.

In manchen deutschen Großstädten gibt es Viertel, in denen längst Parallelgesellschaften entstanden sind. Im dicht besiedelten Berlin-Neukölln und mittlerweile auch im bürgerlichen Berliner Stadtteil Charlottenburg regieren Familienclans. Auch in Städten wie Essen, Duisburg oder Bremen nimmt die organisierte Kriminalität ein neues Ausmaß an.

Die Rede ist von rivalisierenden Großfamilien mit arabischen, kurdischen, türkischen und libanesischen Wurzeln. Viele von ihnen sind in den Achtziger- und Neunzigerjahren aus dem vom Bürgerkrieg heimgesuchten Libanon nach Deutschland geflohen.

Sie lehnen die demokratische Grundordnung ab und sehen das Gewaltmonopol nicht beim Staat. Kurz: Die Mitglieder dieser Großfamilien haben ihr eigenes Rechtsverständnis, zuweilen sogar mit eigenen «Friedensrichtern», die die deutsche Justiz ersetzen, wie die ARD berichtete.

Großfamilien mit bis zu 1000 Mitgliedern

Das Ausmaß lässt sich aber vorerst nicht in Zahlen fassen. Laut der «Zeit» hat das Bundeskriminalamt (BKA) 2015 eine Zahl in Umlauf gebracht, die aufhorchen ließ: 200.000. Doch präzisierte das BKA, dass das nicht heiße, dass in Deutschland 200.000 kriminelle Angehörige von Großfamilien lebten, wie die «Zeit» schreibt. Es handle sich lediglich um «das Personenpotenzial der Clanfamilien». Es gäbe Großfamilien mit bis zu 1000 Mitgliedern.

In Duisburg, wo der Stadtteil Marxloh in der Hand von Clans ist, geht man von 70 Familien mit insgesamt 2800 Personen aus. Rund 900 Personen davon seien «polizeibekannt», berichtet «Focus».

Gastrobetriebe und Shisha-Bars

In Einzelfällen verüben die Mitglieder Taten, die aufgedeckt werden. So zum Beispiel den Überfall auf das Berliner Luxuskaufhaus KaDeWe im Dezember 2014. Viel öfter jedoch agierten die Clans im Verdeckten, etwa im organisierten Drogenhandel. Das Treiben der Familien sei auch deswegen nur schwer aufzudecken, weil es oft innerhalb einzelner Clans zu einer Durchmischung von illegalen und legalen Geschäften komme. Insbesondere Gastronomiebetriebe oder Shisha-Bars würden oft als Deckmantel für andere Geschäfte genutzt.

Wichtige Strippenziehern

Um den Kampf gegen das organisierte Verbrechen voranzutreiben, haben einige deutsche Städte seit kurzem Staatsanwälte eingesetzt, die sich ausschließlich mit Familienclans befassen. In Berlin ist dies seit Oktober 2017 der Fall, in Duisburg sind seit Juni zwei neue Staatsanwälte im Dienst. Man erhofft sich, die Clans besser durchleuchten zu können, den Geldfluss innerhalb der Familien aufzuschlüsseln und bis zu den wichtigen Strippenziehern vorzudringen.

Die Ermittlungsarbeit unterscheidet sich in vielen Punkten grundlegend von jener bei anderen Verbrechen. Zum einen sei die Loyalität innerhalb der Bandenmitglieder enorm. Zum anderen lassen sich kaum verdeckte Ermittler einschleusen, wie Oberstaatsanwalt Stefan Müller «Focus» erklärt: «Da kann man nicht einfach so einen Ermittler einschleusen und einen Cousin präsentieren, der vor sechs Wochen noch nicht da war.»

(L'essentiel/mat)

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