Jeremy Lin – Dieses «Kind» eroberte die NBA in 7 Tagen

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Jeremy LinDieses «Kind» eroberte die NBA in 7 Tagen

Vor einer Woche war Jeremy Lin in der NBA noch ein unbeschriebenes Blatt. Dank 109 Punkten in vier Spielen verzaubert der 1,91-Meter-Point-Guard nun ganz Amerika.

Der altehrwürdige Madison Square Garden im Herzen Manhattans bebte und die Fans der stolzen, aber seit längerem erfolglosen New York Knicks trauten ihren Augen kaum. Zu lange hatten sie auf diesen Moment warten müssen. Nun hatte sie ein fast unbekannter Newcomer erlöst, der die Los Angeles Lakers, den ungeliebten Erzfeind aus dem Westen, mit 38 Punkten quasi im Alleingang besiegte. 92:85 schlugen die Knicks den NBA-Champion von 2009 und 2010.

Der Mann, der für die Begeisterungsstürme beim New Yorker Publikum sorgte, war diesmal nicht Dunking-König Amar'e Stoudamire und nicht Publikumsliebling Carmelo Anthony, sondern «nur» Jeremy Lin. Anfang Feburar war der lediglich 1,91-Meter-große Point Guard nur Szene-Kennern ein Begriff, doch innerhalb einer Woche hat der Amerikaner mit taiwanesischen Wurzeln einen kometenhaften Aufstieg hingelegt.

In seinen ersten vier NBA-Partien, in denen er von Beginn an spielen durften, skorte Lin sagenhafte 109 Punkte und übertraf damit den früheren Rekord von NBA-Superstar Allen Iverson, der in den ersten vier Spielen 101 Punkte erzielte. Sogar Legenden wie Shaquille O'Neal (100) und Michael Jordan (99) ließ «Linsanity», wie er mittlerweile genannt wird, deutlich hinter sich. Dabei stand der Anfang seiner Karriere nicht gerade unter einem guten Stern.

Gleich mehrmals verschmäht

Dem Sohn von taiwanesischen Einwanderern - beide Elternteile sind übrigens nur 1,68 Meter groß - wurde schon früh das Talent im Umgang mit dem roten Ball attestiert. Im High-School-Team seines Heimatortes Palo Alto (Kalifornien) spielte er überragend, trotzdem bewarb er sich danach vergebens für ein Sportstipendium an einer der großen kalifornischen Universitäten. Stattdessen ging er nach Harvard, wo er ein Betriebswirtschaftsstudium abschloss und nebenbei weiter Basketball spielte.

Allzu viel traute ihm aber niemand zu und immer wieder musste Lin rassistische Hürden überspringen. Vor seiner ersten College-Partie wurde er beim Betreten des Stadions darauf hingewiesen, dass am Abend kein Volleyball- sondern ein Basketballspiel auf dem Programm stünde. Lin belehrte seine Kritiker eines besseren und wurde in der «Ivy League», der amerikanischen Hochschulsport-Liga, zu einem der besten Spieler seines Jahrgangs. Beim NBA-Draft 2010 zeigte aber trotzdem kein Team Interesse. Einem 1,91-Meter-College-Spieler ohne Sportstipendium und mit asiatischem Aussehen traute offenbar niemand den Durchbruch zu.

Langer Anlauf bis zum großen Auftritt

Oder zumindest fast niemand. Denn auf die Saison 2010/11 wurde Lin von den Golden State Warriors als «Undrafted Free Agent» für den Mindestlohn von 250 000 Dollar doch noch in die NBA geholt. Als Ersatzspieler kam der Point Guard auf 29 Einsätze, in denen er 2,6 Punkte pro Spiel skorte. Für die neue Saison war für Lin schließlich kein Platz mehr im Kader der Warriors. Er wurde zu den Houston Rockets und von dort gleich weiter zu den New Yorks Knicks getraded.

Auch im «Big Apple» musste sich Lin mit der Reservisten-Rolle zufrieden geben. Bei seinen kurzen Einsätzen stach er nie besonders ins Auge, bis er am 4. Februar ausgerechnet gegen die Housten Rockets seinen ersten großen Auftritt hatte. Coach Mike D'Antoni liess ihn 36 Minuten auf dem Feld, Lin bedankte sich mit 25 Punkten für das Vertrauen. Da Superstar Amare'e Stoudemire wegen eines Todesfalls in der Familie ausfiel, stand Lin im darauffolgenden Spiel gegen die Utah Jazz zum ersten Mal in seiner NBA-Karriere in der «Starting Five». Als auch noch Carmelo Anthony nach sechs Minuten verletzt ausfiel, rechneten die Knicks-Fans bereits mit dem Schlimmsten. Doch der neue Spielmacher Lin führte sein Team mit 28 Punkten zum nächsten glanzvollen Sieg.

Nun kennt ihn auch Kobe Bryant

Ohne Stoudamire und Anthony blühte Lin richtiggehend auf. Gegen Washington skorte die Nummer 17 der Knicks 23 Punkte und so war der gebürtige Kalifornier vor dem Spiel gegen die Los Angeles Lakers natürlich das Gesprächsthema Nummer 1. Alles fokussierte sich auf Lin, nur Kobe Bryant wollte vom Trubel um den Senkrechtstarter nichts gehört haben.

«Ich weiss gar nicht, was los ist», sagte der Lakers-Superstar, als er auf die neue Knicks-Hoffnung angesprochen wurde. «Wer ist dieses Kind überhaupt?», fragte Bryant weiter. «Ich habe von ihm gehört, aber was hat er geleistet? Skort er ‹Triple Doubles›? Liegt sein Schnitt bei 28,8 Punkte pro Spiel. Nein.» Auf die Frage, ob er ihn manndecken werde, hatte der fünfmalige NBA-Champion nur ein müdes Lächeln übrig: «Jesus Christ. Wir wollen hier nicht zu weit gehen.»

Lin bleibt auf dem Boden

Auf dem Parkett des Madison Square Garden verlor Bryant sein Lächeln schnell. Lin legte eine unglaubliche Show hin und traf aus allen möglichen Lagen. 38 Punkte konnte sich der Point Guard beim 92:85-Sieg gutschreiben lassen und brachte Kobe Bryant so zum Schweigen. Dank seinen 20 Punkten gegen die Minnesota Timberwolves übertraf er schließlich den bereits erwähnten Rekord von Iverson und schloss seine Traumwoche gebührend ab.

Wer nun glaubt, dass Lin nach seinem kometenhaften Aufstieg auf dem Platz auch neben dem Feld abheben könnte, wird wohl enttäuscht werden. Die Knicks-Hoffnung ist alles andere als ein Glamour-Boy und bleibt bescheiden. «Der Rummel um meine Person kommt mir vor wie im Traum. Doch ich möchte gelassen bleiben und konzentriere mich auf meine Aufgabe auf dem Feld», sagt Lin und macht sich auf, die Fans der New York Knicks weiter vom ersten NBA-Titel seit 1973 träumen zu lassen.

L'essentiel Online/ Philipp Reich

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