Zinsentscheid – Dreht Janet Yellen heute der USA den Geldhahn zu?

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ZinsentscheidDreht Janet Yellen heute der USA den Geldhahn zu?

Ende der Null-Zins-Ära: Die US-Notenbankchefin dürfte den Zins am Mittwochabend anheben. Offen ist, wie es weitergeht.

Am Mittwoch ist wohl der Tag X, vor dem sich die Wirtschaft und die Hausbesitzer fast zehn Jahre lang gefürchtet haben: Die US-Notenbankchefin Janet Yellen dürfte um 19 Uhr europäischer Zeit die immer wieder angekündigte und dann doch stets verschobene Zinswende einleiten. Der Markt geht davon aus, dass die Leitzinsen in den USA um 0,25 Prozentpunkte auf neu 0,25 bis 0,5 Prozent erhöht werden. Wenn Yellen dann auch in ihrer Pressemitteilung und auf der Medienkonferenz klipp und klar weitere Zinsschritte fürs kommende Jahr in Aussicht stellt, dürften die Märkte drehen.

Ausbleibende Inflation gibt Rätsel auf

Die Geldpolitik ist jedoch seit der Finanzkrise 2007 und der darauf weltweit einsetzenden Flutung der Märkte mit Geld – auch quantitative Lockerung genannt – durcheinandergeraten und unberechenbarer geworden. Denn trotz der Null-Zins-Jahre ist die Inflation bislang ausgeblieben. Das läuft der bisherigen Wirtschaftstheorie zuwider, wonach eine Geldschwemme eigentlich eine Geldabwertung nach sich zieht.

Das macht den anstehenden US-Zinsentscheid um so spannender. Denn Yellen muss, auch wenn sie für 2016 nur kleine, bedingte weitere Zinserhöhungen ankündigt, ein Novum rechtfertigen: Wieso soll der Geldhahn abgedreht werden, wenn keine Gefahr einer Überhitzung der Wirtschaft besteht, sprich keine gravierende Inflation da ist? Die Notenbankchefin muss dabei nicht nur erklären, ob sie die US-Konjunktur nicht unnötig abwürgt. Sondern auch, ob sie weiter an der gängigen Inflationstheorie festhält. Karsten Junius, Chefökonom der Bank J. Safra Sarasin, sagt: «Im Moment setzt die Inflation trotz der Geldschwemme nicht ein und keiner weiß, ob sie noch kommt oder ob die Volkswirtschaften sich grundsätzlich verändert haben.»

Markt geht von langfristig billigem Öl aus

Unter Ökonomen tobt derzeit eine Grundsatzdiskussion: «Das große Rätsel der Volkswirtschaft aktuell ist, warum die Inflation trotz expansiver Geldpolitik nicht anzieht. Es gibt eventuell Dinge, die die bisherige Theorie nicht erklären kann», sagt Devisenspezialist Thulan Nguyen von der deutschen Commerzbank. Dabei könne auch die Überalterung der Gesellschaft und in dem Zusammenhang das Rentensystem eine Rolle spielen, das die Menschen vermehrt zum Sparen zwingt. denn obwohl das Geld über Jahre hinweg historisch billig ist, heizt es die Konjunktur kaum an.

Auch die langfristigen Inflationserwartungen, die aus den Inflationsswaps abgeleitet werden können, sind laut Nguyen sehr niedrig. «Ein Grund dafür ist auch der niedrigere Ölpreis, was sehr ungewöhnlich ist.» Der Markt geht also davon aus, dass die Energiekosten über Jahre hinweg tief bleiben. Auch das ist für die Geldpolitik neu.

(L'essentiel)

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