Liberia – Ebola-Tote liegen auf den Straßen Monrovias

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LiberiaEbola-Tote liegen auf den Straßen Monrovias

Militär vor Kliniken, Leichen auf der Straße, auseinandergebrochene Familien: Die Angst vor Ebola beherrscht den Alltag in der liberianischen Hauptstadt Monrovia.

Vor den Krankenstationen in Monrovia stehen Soldaten. Auch vor der Klinik der Hilfsorganisation SOS-Kinderdorf. Zwar werden hier keine Ebola-Kranken behandelt, aber schon ein Verdacht löst bei den Betroffenen Panik aus: «Wir erleben die Hölle», sagt George Kordahi, Direktor des SOS-Kinderdorfs in Monrovia, «viele Patienten und Familien akzeptieren den Befund nicht und wollen fliehen.» Das Militär soll sicherstellen, dass die Patienten in eine Ebola-Klinik gebracht werden.

Im Kinderdorf der Organisation ist der Alltag von ständiger Angst geprägt: «Die Situation ist gefährlich», sagt Kordahi, «wenn Mütter und Mitarbeiter das Dorf verlassen, zum Beispiel, um auf dem Markt Nahrungsmittel zu kaufen, riskieren sie ihr Leben.» Kordahi meint damit die Menschenmengen auf den Märkten, in denen die Gefahr einer Ansteckung erhöht ist.

Kinder mit toter Mutter allein gelassen

Auf den Straßen der Hauptstadt liegen tote Menschen. Sie bleiben liegen, die Mitarbeiter der Gesundheitsbehörden kommen mit dem Abholen nicht nach. Familienmitglieder wagen oft nicht, sich um kranke Verwandte zu kümmern – egal, ob es sich um Ebola handelt oder nicht. «Eine Verwandte, sie war Krankenschwester, ist gestorben. Sie war infiziert. Ich habe sie nicht besucht», erzählt die 30-jährige Sia Kettor.

Die Krankenschwester Mabel Saybay erzählt von zwei Mädchen, fünf und sieben Jahre alt, deren Mutter starb. Die Nachbarn ließen die Kinder mit der Leiche allein. Niemand kümmerte sich um sie, bis jemand die Gesundheitsbehörden alarmierte. Darauf wurden die Mädchen auf eine Isolierstation gebracht.

Familien werden stigmatisiert

Die Angst vor einer Ansteckung macht den Verlust eines geliebten Menschen noch schlimmer. Der Sohn von Joseph Tandanpolie starb vermutlich an Ebola: Er hatte in einer Klinik gearbeitet. «Für jemanden, der ein Familienmitglied verloren hat, ist es sehr schlimm, wenn man ihm nicht mehr nahe sein kann und aus Angst vor Ebola nicht zum Begräbnis geht», sagt der 64-Jährige.

Josephs Neffe gibt zu: «Ich habe ihm mein Beileid noch nicht bekundet, seit ich von dem Tod gehört habe. Ich habe Angst, dass er und andere Familienmitglieder infiziert sind. Ich habe gehört, er hat seinen Sohn gepflegt.»

Kunden müssen Fieber messen

Vor den Eingängen vieler Wohnungen, aber auch vor Büros und Geschäften stehen Eimer mit Wasser, versetzt mit Chlor-Reiniger. Händewaschen ist Pflicht, die Warnungen der Gesundheitsbehörden tragen Früchte. In manchen Betrieben müssen Kunden vor dem Betreten die Temperatur messen. Trotzdem muss das Leben weitergehen. Auf Märkten und in Läden ist das Treiben zwar nach Aussagen der Händler nicht so rege wie sonst, aber trotzdem wird ge- und verkauft.

Ob die Schulen nach den Ferien Anfang September wieder geöffnet werden, ist noch unklar. Die Regierung hat einige Behörden geschlossen und warnt vor öffentlichen Versammlungen. Doch Anwohner berichten von Gebetsveranstaltungen und Messen mit Hunderten Teilnehmern.

Aberglaube und Horrorgeschichten

Doch bei weitem nicht alle Liberianer sind von der Ebola-Gefahr überzeugt. Die Krankheit gebe es gar nicht, behaupten manche. Wenn Menschen krank würden, dann habe sie jemand verflucht, oder sie würden damit bestraft, so ein verbreiteter Aberglaube. Andere vermuten, die Regierung wolle mit der Krankheit Geld machen. Die Helfer würden den Kranken ihre Organe stehlen, lautet eine Horrorgeschichte.

(L'essentiel/kmo/sda)

Liberia verhängt Ausgangssperre

Im Kampf gegen die Ebola-Epidemie in Liberia hat Präsidentin Ellen Johnson-Sirleaf eine Ausgangssperre verhängt.

Zwischen 21:00 und 6:00 Uhr morgens müsse die Bewegungsfreiheit eingeschränkt werden, gab die Staatschefin am Dienstagabend bekannt. Zudem steht der Slum West Point in der Hauptstadt Monrovia ab sofort unter Quarantäne. Hintergrund sei ein Anstieg der Opferzahlen.

SOS-Kinderdorf

Das Kinderhilfswerk SOS-Kinderdorf ist in über 130 Ländern tätig. Sein Ziel ist es, gefährdeten Kindern ein Zuhause zu geben und überforderte Familien zu unterstützen. Daneben unterhält es unter anderem Jugend-WGs, Kindergärten, Schulen, Ausbildungsstätten, medizinische Zentren. Es finanziert sich über SOS-Fördervereine und -Stiftungen sowie über Spenden.

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