Rigorose Asylpraxis – Ein 18-Jähriger spaltet die Niederlande

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Rigorose AsylpraxisEin 18-Jähriger spaltet die Niederlande

Der aus Angola stammende, gut integrierte Mauro sollte abgeschoben werden. Nun darf er doch bleiben. Sein Schicksal hatte die niederländische Politik entzweit.

Mauro Manuel ist 18 Jahre alt. Seit seinem zehnten Lebensjahr wohnt der Teenager in den Niederlanden. Ursprünglich kommt Mauro aus Angola. Als Mauro neun Jahre alt war, hat ihn seine Mutter ins Flugzeug mit Ziel Amsterdam gesetzt – ohne Erklärung. Es folgte ein Heimaufenthalt. Doch Mauro hatte Glück. Er wurde bald zu Pflegeeltern nach Oostrum in der Provinz Limburg gebracht.

Mauro hat also fast die Hälfte seines jungen Lebens in den Niederlanden, in einer niederländischen Familie verbracht. Seine Jugend unterscheidet sich kaum von jener seiner niederländischen Freunde. Er spricht perfekt Niederländisch. Er redet sogar lupenreinen Limburger Dialekt. Er spielte Fußball beim ortsansässigen SV Oostrum. Seit kurzem lässt er sich in Eindhoven zum IT-Spezialisten ausbilden. Und er hat 2000 Facebook-Freunde.

Etwas dürfte ihn von seinen Freunden unterscheiden: Mauro sollte abgeschoben werden. Am Dienstag wurde nun klar, dass er vorerst bleiben kann - mit Studentenvisum.

Strenge Abschiebepolitik der Rechten

Das Problem von Mauro: Richter meinten, dass die Dokumente, mit denen die leibliche Mutter einer Adoption durch seine Pflegeeltern zustimmte, nicht legal seien, wie auf Welt.de zu lesen ist. Das sei ein Grund, Mauro abzuschieben. Seit zwei Jahren kämpft die Pflegemutter Anita Marijanovic gegen seine Ausweisung. In ihren Augen wäre die Abschiebung eine Schändung von Kinderrechten: «Er mag jetzt 18 sein, aber er ist noch nicht erwachsen. Man hat nicht abgeklärt, ob Mauro in Angola zurechtkommen würde», sagte sie in der Tageszeitung Trouw.

Auch Mauro verstand die Welt nicht mehr. In einem Interview mit derselben Zeitung meinte er: «Hier ist mein Leben. Wie soll ich in Angola zurechtkommen? Ich kenne dort niemanden mehr und wohnte damals in einer Wellblechhütte in einem Elendsquartier.» Mauro spricht nur noch gebrochen portugiesisch, hat keinen Kontakt mehr zu seiner biologischen Mutter.

Die strenge Abschiebepraxis der Niederlande ist berüchtigt und ist teils ein Produkt von Geert Wilders und seiner islamophoben Freiheitspartei PVV, seit den letzten Wahlen die drittstärkste Kraft im Land. Ziel ihrer Immigrationspolitik ist es, die Zahl der Einwanderer aus islamischen und nichteuropäischen Ländern um bis zu 50 Prozent zu kürzen. Viele Bürger befürworten diese rigorose Einwanderungspolitik – eine der striktesten in ganz Europa. Rechtsradikale Slogans wie «Voll ist voll» oder «Zuerst das eigene Volk» sind salonfähig geworden. Wilders fordert von Einwanderern: «Anpassen oder abhauen».

Kein Einzelschicksal

Die regierende Partei der Christdemokraten (CDA) ist gespalten bei der Frage nach Mauros Schicksal. Die Basis ist gegen die Ausweisung, die Parteiführung dafür. Am Dienstag stellten 21 Abgeordnete der CDA dann aber klar, dass bei einer für denselben Tag vorgesehenen Abstimmung im Parlament keine Mehrheit für die Ausweisung des Angolaners zustande kommen würde. Die Fraktion wendete sich damit gegen ihren eigenen Migrationsminister sowie den rechtspopulistischen Duldungspartner der Regierung.

Bis vor kurzem wollte der Einwanderungsminister Gerd Leers (CDA), dass der Junge bleibt: «Nicht jeder Immigrant, der unser Land betritt, ist fehl am Platz», meinte er großherzig. Sein Kontrahent ist Scharfmacher Geert Wilders, der die Einwanderungs-Debatte in den vergangenen Wochen so klar dominierte, dass sogar Leers seine Position für Mauro relativierte: Eine «Extra-Wurst» im Fall Mauro Manuel sei nun doch ungerecht. Wilders Partei für Freiheit (PVV) sichert der gelb-schwarzen Minderheitsregierung in Den Haag auf der Basis eines Duldungsvertrags eine knappe Mehrheit im Parlament. Dafür erwartet sie unter anderem eine rigorose Abschiebepraxis und Maßnahmen zur Eindämmung der Immigration nichtwestlicher Ausländer.

Mauro ist kein Einzelschicksal. Laut Aussagen von Einwanderungsminister Gerd Leers (CDA) sind derzeit 75 Jungen und Mädchen, die als alleinstehende Flüchtlingskinder ins Land kamen, von einer Ausweisung betroffen. Gut ausgebildet, integriert, jedoch ohne niederländischen Pass. Sogar die TV-Show «Weg van Nederland» nahm sich diesem Problem an. So erstaunt es nicht, dass laut einer Umfrage des niederländischen Flüchtlingswerks sowie der Organisation Defence for Children rund 75 Prozent der Niederländer befürworten, dass Mauro bleiben kann.

Unterdessen ist eine Solidaritäts-Webseite für Mauro eingerichtet worden («Asylum and Immigration Minister: Stop the deportation of Mauro Manuel»), wie Niederlande.net schreibt.

Mauro in der Paul de Leeuw-Show:

Mauro auf De Jakhalzen

Gespräch mit Mauro vom 21.9.11

L'essentiel Online/Simone Kubli/dpa

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