Game-Kritik – Ein besserer Mensch durch «GTA V»?

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Game-KritikEin besserer Mensch durch «GTA V»?

«GTA V» wird als eines der besten Spiele gehandelt. Doch ist es wirklich so gut, wie alle behaupten?

Ich bin sauer. Auf den Schweinhund Trevor. Auf mich als dessen Puppenspieler. Auf Rockstar North. Der Grund: Nach dem Spielen von etwa dreißig Prozent von «GTA V» bin ich zur vielfach diskutierten Folterszene gelangt. Jener Sequenz, in der ich als Trevor einem Folteropfer einen Zahn ziehe, ihn mit Elektroschocks quäle, mit einer Rohrzange das Schienbein zertrümmere und ihn sterben lasse – um ihn mittels Adrenalinspritze ins Leben zurückzuholen und in die Freiheit zu entlassen. Dabei hätte der arme Kerl von Beginn weg alles gestanden – hätte er sich nur genügend schnell erinnert.

Aktivitäten wie für Rentner

Von vorne: Wie ein Großteil der Spieler freue ich mich wie ein Kind auf die Veröffentlichung von «GTA V». Eine große Kiste soll es werden; das Game verspricht, Träume wahr werden zu lassen. Tatsächlich bietet das Open-World-Abenteuer eine fast unendliche Spielwiese, in der ich mich vertun kann. Ich darf Stripclubs besuchen, im Drogenrausch Aliens abknallen, im Schießkeller auf Zielscheiben ballern, Yoga betreiben, Tennis spielen, Rennen fahren, nach Fischen tauchen und so weiter. Wenn ich will, kann ich meinen Tag mit mehr Freizeit-Aktivitäten vollpacken, als ein Rentner.

Darüber hinaus lache ich mir ins Fäustchen über den naiven Kleinkriminellen Franklin, der sich mit den Dumpfbacken seiner Gang rumschlagen muss. Ich wundere mich über den schwerreichen Ex-Bankräuber Michael, in dessen geruhsamem Familienleben alles schiefläuft. Ich klaue mit den beiden unzählige Wagen, überfahre Menschen und genieße derweil die Tarantino-ähnlichen, sinnlosen Dialoge. Fraglos bietet «GTA V» beste und abgründigste Unterhaltung.

Das Schwein Trevor

Bis Trevor auftaucht. Den von allen guten Geistern verlassene, von Teufeln gerittene Berserker. Schon beim ersten Auftritt verdirbt er mir die Laune. Wir treffen ihn an, als er sich bei sich Zuhause mit einer Rockerbraut vergnügt. Plötzlich taucht ihr Freund auf (notabene Johnny Klebnitz aus «GTA IV: Lost and Damned»). Wütend, aber auch wimmernd, weil er um Trevors fatales Temperament weiß. Fast schluchzend bittet er Trevor darum, die Finger von seiner Freundin zu lassen, da er sie doch so liebe. Mir zerreißt es das Herz. Dann prügelt Trevor den armen Kerl tot. Und ich frage mich: In was bin ich geraten?

Später kommt die besagte Folterszene. Auch hier: Auf dem Folterstuhl sitzt ein armer, schlotternder Kerl, er tut mir leid. Er will helfen, zögert aber zu mit seinen Antworten - er ist zu langsam. Also foltert Trevor ihn. Ich als Spieler muss ihn foltern. Bis zum Exitus. Weil mir das Spiel keine andere Wahl lässt. Weil ich «GTA V» sonst nicht weiterspielen könnte.

Aus Trotz ein besserer Mensch

Spätestens hier entlarvt sich «GTA V» als großer Schwindel. Das als größtes Open-World-Abenteuer angepriesene Game, das alle spielerischen Freiheiten bieten will, lässt mir im entscheidenden Moment keine Wahl. «GTA V» verlangt von mir eine ultrabrutale Tat, wenn ich lieber weglaufen würde. Zugegeben, das gilt für viele Spiele, doch diese gaukeln mir auch nicht eine offene Welt voller Freiheiten vor. Wieder andere Games lassen einem tatsächlich eine Wahl. Wieso «GTA V» nicht?

Weil die Macher von «GTA V» uns offensichtlich mit dem Vorschlaghammer einbläuen möchte, wie abgrundtief schlecht unsere Welt ist. Dazu reichen die (brillanten) Dialoge und die umwerfend komischen Spielsituationen scheinbar nicht, die sarkastisch gesellschaftliche Missstände bloßstellen. Die Niedertracht muss mit der buchstäblichen Faust aufs Auge ausgesprochen werden.

Womit mir die Lust auf «GTA V» gewaltig vergangen ist. Seitdem kurve ich höchstens noch als Franklin oder Michael durch Los Santos, Trevor lasse ich links liegen. Aus Trotz befolge ich die Verkehrsregeln, fahre niemanden um und suche diejenigen Nebenmissionen, in denen ich den Einwohnern von Los Santos helfen kann. Ist vielleicht aber genau dies das Ziel von «GTA V»? Dass wir aus Protest zu besseren Menschen werden?

(L'essentiel Online/Jan Graber)

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