Atom-Debatte: Ein eigentlich beendetes Kapitel wird wieder neu aufgeschlagen

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Atom-DebatteEin eigentlich beendetes Kapitel wird wieder neu aufgeschlagen

Das Kapitel Atomkraft in Deutschland schien bereits endgültig geschlossen. Doch die aktuelle Energiekrise hat die Ausstiegsdebatte neu angefacht.

ARCHIV---Blick auf den Reaktor A des Kernkraftwerks in Biblis, fotografiert am 7. Maerz 1997. Die Betreiber der deutschen Atomktaftwerke sind offenbar bereit, noch in dieser Legislaturperiode vier Atomanlagen still zu legen. Geplant ist die Stilllegung des Meilers Obrigheim, Stade, Biblis A und Brunsbuettel. (KEYSTONE/AP/Heribert Proepper)

Im Bild ist das 2011 stillgelegte Atomkraftwerk Biblis zu sehen.

Keystone

Das Kapitel Atomkraft in Deutschland schien bereits endgültig geschlossen. Doch die aktuelle Energiekrise hat die Ausstiegsdebatte neu angefacht. Es wird kontrovers diskutiert, ob die Abschaltung der Meiler verschoben werden sollte – notfalls im sogenannten Streckbetrieb ohne neue Brennstäbe. Ein Überblick zur Lage:

Wie ist die Ausgangssituation?

Nach der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima vor elf Jahren brachte die damalige Bundesregierung den Atomausstieg auf den Weg. Dieser sieht die stufenweise Abschaltung aller noch verbliebenen Reaktoren bis zum 31. Dezember 2022 vor. Derzeit laufen noch drei Reaktoren: Emsland, Isar 2 und Neckarwestheim 2. Ihre Erlaubnis zur Stromproduktion endet am 31. Dezember.

Wie wird jetzt argumentiert?

Union und FDP werben dafür, den Ausstiegsplan für die Meiler auszusetzen und einen zumindest begrenzten Weiterbetrieb über den Jahreswechsel hinaus zu ermöglichen. Die Reaktoren sollten demnach weiterhin Strom erzeugen und damit Gas einsparen, das zur Erzeugung von Elektrizität eingesetzt wird.

Bundeswirtschafts- und das Bundesumweltministerium verwarfen diese Option schon im März bei einer Prüfung. Eine Laufzeitverlängerung leiste nur einen «sehr begrenzten Beitrag» zur Problemlösung, hieß es. Angesichts der sehr angespannten Lage wird die Sache aber erneut geprüft. SPD und insbesondere Grüne sind viel skeptischer. Auch sie wollen einen zumindest befristeten Weiterbetrieb im Krisenfall aber inzwischen nicht generell ausschließen.

Die Sache mit Strom und Wärme

Atomkraftwerke erzeugten im ersten Quartal amtlichen Angaben zufolge sechs Prozent des Stroms in Deutschland, Gaskraftwerke 13 Prozent. Allerdings erzeugen Gaskraftwerke anders als Atommeiler in den in den meisten Fällen neben Strom auch Heizwärme für Haushalte und Industrie. Das macht die Sache mit Gaseinsparungen durch Verlagerung der Stromproduktion auf Atommeiler zusätzlich kompliziert – denn viele Gaskraftwerke müssten trotzdem laufen.

Ist ein Weiterbetrieb überhaupt möglich?

Dies ist nicht eine rein rechtliche und politische Frage, sondern auch eine technisch-betriebswirtschaftliche. Wegen des Atomausstiegs sind die drei verbliebenen Meiler bislang auf eine Laufzeit bis Ende des Jahres ausgelegt. Betreiber müssten bei kurzfristigen Verlängerungen zusehen, wie sie schnell das erforderliche Personal und genug Kernbrennstoff auftreiben.

Auch die Frage aufwendiger periodischer Sicherheitsprüfungen würde sich im Fall einer Laufzeitverlängerung neu stellen. Betreiber der verbliebenen Atomkraftwerke wie der Energiekonzern RWE äußerten sich zuletzt jedenfalls ablehnend. Dessen Chef Markus Krebber verwies unter anderem auf komplexe Fragen der Sicherheitsarchitektur und Risikoübernahme.

Auch Brennstäbe haben Lieferzeiten

Das Uran in den Kernbrennstäben hält nur eine gewisse Zeit. Laut deutschem Bundesverband der Atomenergiebranche liegt die Nutzungsdauer einer Beladung üblicherweise bei vier Jahren. Die Ersatzbeschaffung braucht demnach einen gewissen Vorlauf, eine Lieferung neuer Brennstäbe wäre demnach erst im nächsten Jahr möglich. Das Bundeswirtschaftsministerium in Berlin geht ebenfalls davon aus, dass dies mehr als ein Jahr dauern würde.

Was ist mit dem Streckbetrieb?

Die in den Brennelementen der Reaktoren heute noch vorhandene Uranmenge ist dem Verband zufolge unterschiedlich groß – und der Verbrauch unter anderem abhängig von der abgerufenen Leistung. Am größten ist die Restmenge demnach im Meiler Isar 2, wo es einem TÜV-Gutachten zufolge bis zum Sommer reichen soll. Eine immer wieder diskutierte Maßnahme zur Verlängerung der Reaktornutzungsdauer ohne Rückgriff auf neue Brennelemente ist daneben der sogenannte Streckbetrieb.

Dabei wird der Prozess, bei dem die atomare Kettenreaktion in einem alten Reaktorkern am Ende seiner Lebensdauer mangels unverbrauchten Urans langsam automatisch zum Erliegen kommt, durch Maßnahmen der Anlagensteuerung noch für einige Monate künstlich in die Länge gezogen. Es wird die Temperatur des Reaktorkühlwassers gesenkt, was dessen Dichte erhöht und die für die Kettenreaktion verantwortlichen Neutronen stärker abbremst. Allerdings verliert der Reaktor dabei laufend 0,5 Prozent seiner Leistung pro Tag.

(AFP)

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