Mobile Popkultur – Ein Hippie-Traum auf Rädern

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Mobile PopkulturEin Hippie-Traum auf Rädern

Bald läuft in Brasilien der letzte Volkswagen T2 vom Band. Doch der «Bulli», der für Freiheit und Abenteuer steht, ist unverwüstlich.

Er trug Hippies durch die 60er-Jahre, fuhr Surfer auf der Suche nach der perfekten Welle durch endlose Sommer und diente weltweit als Arbeitstier: Der VW-Bulli, wie er liebevoll genannt wird, hat eine lange Reise hinter sich, die sich nun dem Ende zuneigt. Nur in Brasilien wird der Bus T2 noch gebaut, aber Volkswagen wird die Produktion zum Jahresende einstellen.

Ab 2014 muss jedes Fahrzeug in Brasilien mit Airbags und einem Antiblockiersystem ausgerüstet sein. Volkswagen erklärte, man könne die Produktion nicht umstellen, um die neuen gesetzlichen Anforderungen zu erfüllen. Aber auch wenn der Bulli nicht mehr hergestellt wird, so werden doch noch viele der Modelle in den kommenden Jahrzehnten über die Straßen rollen, denn es gibt viele von ihnen und sie sind äußerst langlebig.

«Der Bus steht für Freiheit»

Seit der Vorstellung des ersten Bullis (die Produktion des T1 begann 1950) vor 63 Jahren hat Volkswagen mehr als zehn Millionen Fahrzeuge des Typs weltweit produziert – auch wenn nicht alle aussehen wie der klassische Hippie-Bus. Allein in Brasilien wurden seit 1957 mehr als 1,5 Millionen Bullis hergestellt.

«Der Bus steht für Freiheit», sagt Damon Ristau, Regisseur der Dokumentation «The Bus», in der er Bullis und ihre Fans vorstellt (siehe Trailer unten). «Er hat etwas Magisches und einen Charme, der anderen Fahrzeugen fehlt. Es geht um die einsame Straße, darum, die Menschen zum Lächeln zu bringen, wenn sie einen alten VW-Bus vorbeirollen sehen.»

Der Bulli ist berühmt für seine Härte, aber auch für seinen Hang zu Pannen. Bulli-Fans erklären, dass die kleinen Macken seinen Reiz ausmachen: Weil der Motor so simpel aufgebaut ist, ist er auch leicht zu reparieren, was die Bindung der Besitzer zu ihrem Gefährt stärkt.

Teil der Popkultur

Der Bulli ist Teil der Popkultur. Er erschien auf Plattenhüllen unter anderem von Bob Dylan und den Beach Boys. In Musikerkreisen ist er eng mit den Grateful Dead und ihren reisenden Fans verbunden, für die der Bulli ein rollendes Zuhause war. Apple-Mitgründer Steve Jobs soll seinen VW-Bus in den 70er-Jahren verkauft haben, um eine Platine für einen seiner ersten Computer zu kaufen. Und aus der kalifornischen Surfszene ist der Bulli nicht wegzudenken, eignet er sich doch hervorragend für den Transport von Surfbrettern.

In ärmeren Ländern in Lateinamerika und Afrika löst der Bulli keine solch romantischen Gefühle aus, er wird in São Paulo anders betrachtet als in San Francisco. In Brasilien liefert die Post mit dem VW-Bus Briefe aus, das Militär transportiert mit ihm Soldaten und Leichenbestatter Särge. Der Bulli dient als Schulbus für die Kinder, als Großraumtaxi und als Lastwagen für Baumaterial. Manche haben ihren VW-Bus in rollende Marktstände verwandelt.

Mobiler Marktstand

Der Bulli ist in Brasilien als «Kombi» bekannt, eine Verkürzung des Wortes Kombinationsfahrzeug. Auch Jorge Hanashiro aus São Paulo fährt so einen Kombi, seiner wurde 1974 gebaut. Gemeinsam mit seiner Frau Anna verkauft er aus dem Wagen heraus Fleisch und Gemüse. «Es gibt vielleicht sicherere und modernere Autos, aber für mich ist der Kombi das beste Fahrzeug, um meinen Marktstand und die Produkte auf die sechs Märkte zu bringen, die ich jede Woche besuche», erklärt der 77-Jährige. «Er ist sparsam, robust und leicht zu reparieren.»

Enio Guarnieri hat sich seinen 1972 gebauten Bulli vor einem Jahr aus nostalgischen Gründen gekauft. Als er zehn war, brachte ihm sein Vater in einem Kombi das Autofahren bei. «Einen Bulli mit dem Gesicht dicht vor der Windschutzscheibe zu fahren ist ein aufregendes Abenteuer», sagt er. «Es gibt keinen anderen Bus wie ihn. Kein anderer ist so einfach und günstig zu unterhalten.» Jeder, der auch nur ein wenig von Motoren verstehe, könne ihn mit ein bisschen Werkzeug reparieren.

«Gefühl der Zuneigung»

Die Produktion des klassischen Bulli wurde in einem VW-Werk in Mexiko 1995 eingestellt, damit blieb als einzige Produktionsstätte das Werk in São Paulo. In Deutschland lief der letzte T2 schon 1979 vom Band. Er entsprach damals nicht mehr den europäischen Sicherheitsanforderungen.

Der Werbefachmann Marcello Serpa aus São Paulo ist überzeugt, dass der Geist des Bullis auch nach der Einstellung der Produktion weiterleben wird. Er selbst fährt einen Bulli von 2007 im Hippie-Design in Rot, Grün, Gelb und Blau. Auf das Blech sind Karikaturen von seiner Ehefrau, seinen Töchtern und von ihm gemalt. Serpa erzählt, der Bus rufe ein Glücksgefühl hervor. Die Menschen lächelten, wenn sie ihn durch die Stadt fahren sähen.

«Der Kombi ist Teil der kulturellen und emotionalen Landschaft Brasiliens», sagt Serpa. «Und das erklärt das starke Gefühl der Zuneigung, das die meisten Menschen empfinden.»

(L'essentiel Online/S. Lehman, B. Brooks, ap)

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