Schlecker – Ein Image zum Davonlaufen
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SchleckerEin Image zum Davonlaufen

Dumping-Löhne, Mitarbeiter-Bespitzelung, miefige Läden: Schlecker hat sich in Deutschland über die Jahre ein schlechtes Image erarbeitet. Kunden straften die Kette ab.

Die Nachricht von der Insolvenz Schleckers ist eine der letzten auf der langen Liste der Negativ-Schlagezeilen in den vergangenen Jahren. Besonders in Deutschland haben immer wieder Skandale dafür gesorgt, dass das Image der Drogeriekette nach und nach ramponiert wurde und Kunden wegblieben. Ein Überblick:

Ein Stundenlohn von 6,78 Euro

Erst flatterte der Schlecker-Verkäuferin die Kündigung ins Haus, dann wurde sie doch wieder beschäftigt: zu deutlich ungünstigeren Konditionen. Und das war kein Einzelfall. Im Jahr 2009 schloss Schlecker viele kleine Filialen, um wenige Meter weiter moderne und größere Schlecker-XL-Läden zu eröffnen. Die alten neuen Angestellten erhielten dann allerdings nur noch 6,78 Euro pro Stunde und einen Vertrag auf Zeit. Beschäftigt wurden sie von der unternehmenseigenen Zeitarbeitsfirma Meniar. Die Gewerkschaftler liefen Sturm, der Bundestag beschloss ein Gesetz gegen den Missbrauch von Zeitarbeit, die «Lex Schlecker». Das Unternehmen lenkte ein, machte die Zeitarbeitsfirma dicht und schloss 2010 Tarifverträge für seine rund 34 000 Beschäftigte in Deutschland ab.

Mitarbeiter bespitzelt und per Kamera überwacht

Immer wieder gingen Mitarbeiterinnen an die Öffentlichkeit, um über ihren miesen Arbeitsalltag bei Schlecker zu berichten. Wie jene Angestellte, die sich anonym an die Frauenzeitschrift «Brigitte» wandte. Heimlich seien von ihr bereits aussortierte, abgelaufene Waren wieder ins Regal gestellt worden, die der Bezirksleiter dann «zufällig» bei einem Kontrollbesuch fand. Der Vorwurf: Sie mache ihren Job schlecht und solle doch vielleicht ihr Engagement im Betriebsrat zurückfahren. Bei der Schlecker-Tochter Ihr Platz sollen Mitarbeiter per Kamera überwacht worden sein. Datenschützer ermittelten, das Unternehmen wies die Vorwürfe zurück. Der Wochenzeitung «Die Zeit» erzählte eine Angestellte, sich als Spitzel tageweise hinter Regalen versteckt zu haben, um Kollegen heimlich zu kontrollieren und die Ergebnisse an den Chef zu melden. Und dann klagten Schlecker-Angestellte, zu wenig gegen Überfälle geschützt zu werden. Sohn Lars Schlecker wies dies in einem Interview mit der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» zurück: «Wir setzen Motorrad-Streifen ein, wir haben Tresore mit Zeitschlössern, wir lassen Mitarbeiterinnen durch die Polizei schulen. Allerdings ziehen wir durch unsere starke Präsenz in der Fläche spontane Räuber an, wie Tankstellen oder Kioske. Die Wahrscheinlichkeit, bei Schlecker Opfer eines Überfalls zu werden, ist mit 0,38 Prozent aber extrem gering.»

Wer ist bloß der Boss?

Anton Schleckers Vermögen wurde 2011 vom «Manager Magazin» noch auf 1,95 Milliarden Euro geschätzt, da soll er bereits 350 Millionen Euro verloren haben. Für Transparenz ist der Unternehmensgründer nicht bekannt, Interviews mit ihm sind äußerst selten, die Familie lebt seit der Entführung der beiden Kinder Meike und Lars 1987 zurückgezogen. Die Gesellschaftsform des «eingetragenen Kaufmanns» erlaubte es Anton Schlecker, Geschäftsberichte unter Verschluss zu halten. Dafür haftet er nun mit seinem privaten Vermögen. Schlecker habe Distanz zu den Kunden aufgebaut, glaubt der Marken-Experte Holger Geißler vom Meinungsforschungsinstitut YouGov. «Im Grunde sollten die Kunden eben nur die Produkte kaufen, aber ansonsten wollte das Unternehmen nicht viel mit ihnen zu tun haben. Ganz im Gegenteil zur Drogeriekette dm, die einen sehr intensiven Kundendialog führt, mit einem Payback-System punktet und auch in den sozialen Medien sehr präsent ist», wird er von der «Wirtschaftswoche» zitiert.

Wohlfühlen ist wohl anders

«Schlampig», «schmuddelig», «unübersichtlich»: Die Adjektive, die befragte Verbraucher für die Inneneinrichtung der Schlecker-Läden finden, sind alles andere als schmeichelhaft. Mit der Konkurrenz konnten die Drogeriemärkte in den vergangenen Jahren nicht mithalten. Schlecker steckte 230 Millionen Euro in die Modernisierung und begann, nach und nach die eigenen Läden aufzupäppeln. Ein längst überfälliger Schritt. «Klar, es hätte auch früher passieren können. Aber es kommt definitiv nicht zu spät. Im nächsten Jahr werden wir das Filialnetz noch bereinigen. Und 2012 werden wir wieder voll angreifen und wieder wachsen», sagte Lars Schlecker, der Sohn des Firmengründers, vor einem Jahr in einem Interview mit dem «Manager Magazin». Die Realität wird ihn eines besseren belehrt haben.

Kerstin Smirr/L'essentiel Online

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