Paradies für Häftlinge – Ein Knast wie aus dem Reiseprospekt

Publiziert

Paradies für HäftlingeEin Knast wie aus dem Reiseprospekt

Im Gefängnis San Antonio auf der venezolanischen Insel Margarita dürfen die Häftlinge weitermachen wie bisher: mit Drogen dealen, Mordaufträge erteilen. Nur eines dürfen sie nicht: raus!

Margarita Island ist eine kleine Insel vor der Küste Venezuelas. Touristen aus aller Welt genießen in dieser karibischen Idylle ihre Ferien. Die Sonnenuntergänge sind paradiesisch. Was viele Touristen nicht so genau wissen: Die venezolanische Insel ist auch ein Paradies für Drogenschmuggler, Drogenbosse und ein großer Umschlagplatz für Rauschgift aus Lateinamerika. Drogen werden hier auf Schiffe und Flugzeuge umgeladen, um sie weiter nach Nordamerika zu schmuggeln. Oft geht etwas schief. Dann landen die Dealer im San-Antonio-Gefängnis auf der Insel. Ein Glück für die Kriminellen, denn hier in Porlamar können sie weiterleben wie bisher.

Von außen sieht das Gefängnis wie ein normaler Knast aus. 2000 Venezolaner und Ausländer werden hier inhaftiert. Soldaten patrouillieren, Scharfschützen überwachen die umliegenden Dächer und Straßen. Besucher werden durchsucht, wenn sie ins Innere wollen. Ein Journalist der New York Times hatte die Gelegenheit, das Innere des Gefängnisses zu besuchen und zu filmen. Es sehe eher aus wie ein von Hugh Hefner inspirierter Vergnügungstempel, berichtet der Reporter.

Der fünfminütige Film zeigt Szenen wie aus einem Ferienparadies. Weibliche Besucherinnen in Bikinis tanzen lasziv am Knastpool. Reggae-Ton brummt aus den Boxen. Hedonismus gibt den Ton an. Überall ziert ein Playboy-Logo die Wände. Geld ist hier in Massen vorhanden, denn das Drogengeschäft und das Gambling florieren auch hinter Gittern. An den Wochenenden kommen Besucher ins Gefängnis, um ihr Dope für die Party zu kaufen oder ihre Wetten in der Hahnenkampfarena abzugeben.

«El Conejo», der Chef von San Antonio

Die venezolanischen Häftlinge schmeißen die Geschäfte des Gefängnisses. Das macht das Leben hier einfacher, sagt Fernando Acosta, ein mexikanischer Pilot, der hier seit 2007 festsitzt. Sein Zellengenosse ist ein Geschäftsmann aus dem Kongo, der Acosta für einen Flug nach Westafrika mit einer Ladung Kokain anstiften wollte. Sie wurden erwischt.

Der wahre Boss von San Antonio ist aber Teófilo Rodríguez, genannt «El Conejo», der Hase (dies erklärt auch das omnipräsente Playboy-Logo). Er ist der Führer und Herrscher über das hauseigene Waffenarsenal. Ein britischer Häftling, Paul Makin, sagte dem NYT-Reporter, er sei beeindruckt, welche Waffen hier im Knast im Umlauf seien: «Hier gibt's Waffen, die habe ich noch nie gesehen: AK-47s, AR-158, Uzis und dergleichen.» Er sei im besten Gefängnis der Welt, brüstet sich Makin im Mirror.uk. Er hat wegen Kokainschmuggel eine Strafe von acht Jahren abzusitzen. Das Gefängnis sei ein Paradies, wenn man sich El Conejos Regeln füge. Sonst sei es die Hölle.

Eigentlich sind die Zustände im Gefängnis auf Margarita, wo Drogengeschäfte abgeschlossen, Mordaufträge erteilt werden und Gangs das System kontrollieren, für Venezuela nichts Außergewöhnliches. Die Anarchie ist eine Folge von korrupten Beamten und von überbelegten Gefängnissen. Menschenrechtsgruppen zeigen seit langem mit dem Finger auf die schlimmen Zustände. Im vergangenen Jahr sind 476 Häftlinge von Gefängnisgangs getötet worden. Das ist ungefähr ein Prozent aller Gefangenen in Venezuela. Erst am Freitag haben Soldaten nach einer Häftlingsrevolte bei Caracas brutal interveniert. Seit Sonntag vor einer Woche sind mindestens 25 Menschen umgekommen. Präsident Hugo Chávez verspricht Besserung und will ein neues Ministerium für Inhaftierungen gründen, schreibt das International News Magazine. Die Zeit drängt. Es sieht aus, als hätte der Staat längst die Kontrolle über seine Gefängnisse verloren.

(L'essentiel online/kub)

Deine Meinung