Football-Drama – Ein Musterprofi dreht durch

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Football-DramaEin Musterprofi dreht durch

Ein Football-Profi erschießt seine Freundin und tötet sich selbst. Amerika ist schockiert und fragt sich: Ein Beziehungsdelikt – oder Folge eines brutalen Sports?

Er war ein Underdog, und das gefiel ihm. «Man kann die Leute überraschen», sagte Jovan Belcher in einem Interview. Ohne je gedraftet worden zu sein, hatte sich der 25-Jährige über ein zweitklassiges College-Team in die National Football League (NFL) hochgearbeitet, die populärste und lukrativste Liga Amerikas. In seiner vierten Saison spielte er als Linebacker bei den Kansas City Chiefs. Belcher war kein Star, aber eine verlässliche Größe. Fast immer stand er in der Startformation, sein Jahresgehalt betrug knapp zwei Millionen Dollar.

Am Samstag fand diese Bilderbuchkarriere ein brutales Ende. Kurz vor acht Uhr morgens tötete Jovan Belcher seine Freundin Kasandra Perkins, die Mutter seiner erst drei Monate alten Tochter Zoe, mit mehreren Pistolenschüssen. Danach fuhr er zum Trainingsgelände der Chiefs, wo er mit Chefcoach Romeo Crennel und Generalmanager Scott Pioli zusammentraf. Belcher sei aufgewühlt gewesen, habe aber in keiner Weise bedrohlich gewirkt, sagte ein Polizeisprecher später. Vielmehr habe er seinen Betreuern für alles gedankt, was sie für ihn getan hatten. Danach schoss er sich auf dem Parkplatz eine Kugel in den Kopf, vor den Augen von Crennel und Pioli, die versucht hatten, ihn aufzuhalten.

Ein netter Kerl

Seither herrscht Fassungslosigkeit in Amerika. Und alle fragen sich: Wie konnte das geschehen? Denn Jovan Belcher war nie als gewalttätig aufgefallen. Teamkollegen schilderten ihn als hart arbeitenden, ruhigen Typen, der seinen Job klaglos erledigt habe. Privat galt er als netter Kerl, der sich um benachteiligte Kinder kümmerte. «Er war ein glücklicher, stolzer Vater», sagte sein Agent Joe Linta gegenüber «Sports Illustrated». Nie hätte er es für möglich gehalten, dass Belcher zu einer solchen Gewalttat fähig sei.

Risiko Hirnerschütterung

Ein weiterer Fall also, in dem ein vermeintlich ruhiger Typ plötzlich durchdreht? Die Ursachenforschung führt noch in eine andere Richtung: In den letzten Jahren haben sich mehrere ehemalige und aktive NFL-Spieler das Leben genommen. In fast allen Fällen galt eine Krankheit als Ursache, die unter dem Fachbegriff Dementia Pugilistica bekannt ist. Es handelt sich um eine Form von Demenz, die als Folge von Schlägen oder Stößen gegen den Kopf entsteht. Betroffen sind vor allem Boxer, Eishockey-Spieler – und Footballer.

Ob die Krankheit im Fall von Jovan Belcher eine Rolle spielte, scheint zweifelhaft. Chiefs-Direktor Clark Hunt erklärte laut ABC News, der Linebacker habe «nicht viele Hirnerschütterungen gehabt», obwohl er in seiner Schulzeit nicht nur Football gespielt, sondern sich auch als Ringer ausgezeichnet hatte. Berichte, wonach Belcher nach einem Spiel am 18. November benommen gewesen sei und über Gedächtnisstörungen geklagt habe, wurden von Teamkollegen dementiert. «Irgendetwas ist total schief gelaufen, und wir werden wohl nie erfahren, was es war», meinte Belchers Agent Joe Linta.

Die Kansas City Chiefs spielten am Sonntag trotz der Bluttat wie geplant gegen die Carolina Panthers. Denn im American Football lautet die Devise «The Show must go on». Und die Chiefs, das mieseste Team der Liga mit nur einem Sieg in zwölf Spielen, zeigten ihre beste Saisonleistung und gewannen mit 27:21. Vor dem Spiel gab es im Stadion eine Schweigeminute für «alle Opfer häuslicher Gewalt». Die kleine Zoe wird von Jovan Belchers Mutter betreut. Sie war zur Tatzeit zu Besuch in Kansas City und hatte die Tat miterlebt.

(L'essentiel Online/Peter Blunschi)

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