Gaddafi im Fernsehen – Ein Wirrkopf bedroht sein Volk

Publiziert

Gaddafi im FernsehenEin Wirrkopf bedroht sein Volk

Gaddafis Rede hat wenig zur Klärung der Situation in Libyen beigetragen. Seine Zurechnungsfähigkeit ist zweifelhafter denn je.

Nach der Rede des libyschen Staatschefs Muammar Gaddafi am Dienstagabend stellt sich eine Frage: Ist dieser Mann noch an der Macht? Wenn nein, sind seine Worte gegenstandslos. Wenn ja, könnten für die Libyer noch blutigere Zeiten anbrechen. Seine über einstündige Rede war derart zusammenhangslos und wirr, dass bezweifelt werden muss, ob er überhaupt noch zu einer rationalen Entscheidung in der Lage ist.

Nicht einmal die Frage, ob sich Gaddafi überhaupt noch in Libyen aufhält, ist mit dieser Fernsehrede geklärt. Es fanden sich während der Übertragung keine Hinweise darauf, ob sie live oder aufgezeichnet ist. Klar ersichtlich war hingegen, dass er sie symbolträchtig vor dem alten Präsidentenpalast in Tripolis hielt, der bei einem US-Bombenangriff 1986 mehrheitlich zerstört worden war.

Das einzig Substantielle seiner Rede ist schnell erzählt: Er werde das Land nicht verlassen, nicht zurückzutreten und wenn nötig als Märtyrer sterben. Zum Rücktritt gebe es auch gar keinen Anlass: Da er kein Amt inne habe, könne er gar nicht zurücktreten. Später fragte er rhetorisch, wem denn die Menschen folgen sollten, wenn nicht ihm. Vielleicht den Bärtigen, womit er die Islamisten meinte.

Vergleiche mit Afghanistan, Irak und Somalia

Gaddafi warnte, die Islamisten würden Libyen zu einem zweiten Afghanistan oder Irak machen. Und dann würden die USA das Land besetzen und wie die irakische Stadt Falludscha dem Erdboden gleich machen. Oder aber Libyen werde im Bürgerkrieg versinken und zu einem zweiten Somalia werden. Auffallend oft zog er Vergleiche zu anderen Ländern. Wie Boris Jelzin im Augustputsch 1991 würde auch er den Panzern trotzen. Inwiefern die Belagerung der texanischen Stadt Waco 1993 oder die Demonstrationen auf dem Tiananmen-Platz in Peking 1989 mit Libyen 2011 zu tun haben, blieb unklar. Dass beide Ereignisse blutig endeten, kann aber nichts Gutes verheissen. Dazu passt seine Drohung, bis jetzt habe er nicht befohlen, auch nur eine Kugel abzufeuern.

In unregelmässigen Abständen wandte er sich an die aufbegehrende Jugend. Die jungen Menschen ständen unter Drogen und würden vom Ausland gelenkt. Ihre Eltern rief er auf, sie von der Strasse zu holen. Dann gab er sich wieder ganz als Landesvater: Wenn er nur die Gelegenheit bekäme, mit ihnen persönlich zu sprechen, würde er sie schon zur Besinnung bringen. Ansonsten müssten die Leute selbst für Ordnung sorgen, bis die Sicherheitskräfte wieder vor Ort sind.

«Kein Geld und keine Paläste»

Stellenweise zitierte er aus seinem sogenannten «grünen Buch» und zählte alle Verbrechen auf, die die Todesstrafe nach sich ziehen, darunter die Untergrabung der nationalen Souveränität und der Verfassung. Damit meinte er vermutlich jenes grüne Buch, das er selbst verfasst hat. Eine richtige Verfassung hat Libyen nicht.

Wenn die Angelegenheit nicht so ernst wäre, hätten einige Passagen seiner Rede amüsant sein können. Zum Beispiel als er beteuerte, er besitze kein Geld und keine Paläste. Oder dass der Reichtum aus den Erdöleinnahmen den Leuten gehöre und sie damit machen können, was sie wollen. Oder dass die Libyer gar nicht demonstrieren müssten. Wenn sie Probleme hätten, könnten sie einfach auf die lokalen Behörden zugehen. Auch «Al Jazeera» steuerte unfreiwillige Komik bei. Ihr Simultanübersetzer war mit der Aufgabe, Gaddafis wirre Ausführungen in halbwegs sinnvolles Englisch zu übertragen, offenbar überfordert. Auf halber Strecke wurde er ausgewechselt.

Muammar Gaddafi hat am Dienstag über eine Stunde geredet und sprichwörtlich fast nichts gesagt. Alle jene, die seine Zurechnungsfähigkeit schon lange in Zweifel gezogen hatten, werden sich bestätigt sehen. Der libyschen Bevölkerung selbst ist damit freilich überhaupt nicht geholfen.

(L'essentiel/Kian Ramezani)

Deine Meinung